Video-Interview: Lernen 2.0 – der Schlüssel für begeisterndes Lernen?

Im Rahmen des gerade laufenden bMOOC (blended MOOC) des eLearning-Journals zu Lernexzellenz 2.0 hat mich Monika König in dieser Woche auch per Google Hangout interviewt. Thema war: Lernen 2.0 – der Schlüssel für begeisterndes Lernen?

Hier die Aufzeichnung (25 Min):

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Lernen 2.0 in bayerischem Gymnasium

Günther Schmalisch, stellvertretender Direktor des Albert Ernst Gymnasiums hat von seiner Schule wie von einer skandinavischen Vorzeige-Schule berichtet. Nein, Oettingen liegt wirklich in Bayern, irgendwo zwischen Donauwörth und Ansbach. Leicht ergraut, mit langer Haarpracht und authentischer Ausstrahlung überzeugte der aktive Lehrer Schmalisch seine Zuhörer von der tatsächlichen Möglichkeit Schule und Lernen völlig anders zu gestalten, als er es selbst als Schüler erlebt hat – und wir anderen wohl auch. Und das in vollem Einklang mit Lehrplan und Schulordnung in Bayern.

Bild: von OpenClips auf Pixabay http://pixabay.com/de/

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“Die Kinder müssen reden, und nicht die Lehrer” ist einer seiner bemerkenswerten Sätze. “Es geht nicht um Wissen, es geht ums Können” ist ein anderer. Wie ein roter Faden zeigt sich bei ihm die Grundüberzeugung, dass Lernen immer etwas individuell Aktives ist, und dass es vergeudete Zeit und Mühe ist, alle gleichzeitig zu unterrichten. Das unser Bildungssystem alle gleich machen will, im gleichen Lebensjahr zur Schule, zur gleichen Tageszeit zum Unterricht, in der gleichen Geschwindigkeit zur Prüfung, und mit den gleichen Inhalten für alle, beklagt er nur kurz. Ihm ist klar, dass es gar nicht notwendig ist, dass alle zur gleichen Zeit die Klassenarbeit schreiben müssen. Das geht auch anders, sogar im Gymnasium in Bayern.

“Man braucht die Schule nicht zum Lernen” sagt dieser Lehrer aus voller Überzeugung. “Lernen ist von Natur aus vorgesehen”. Und “Lernen muss geil sein!” Nachmittags nach Hause gehen und mehr können, mehr sein, evt. sogar mehr können als die Eltern – was muss das für ein tolles Gefühl sein, sagt er. Das klingt gut. Und ist wohl auch gut umgesetzt in Oettingen. Vor etwa 10 Jahren gab es die ersten Überlegungen zum Umdenken. Klassisches Schulhaus mit üblicher Ausstattung: Alle Klassenräume gleich, egal für welche Altersstufe. Heute sind erste Schul-Etagen – noch nicht alle – Jahrgangs-entsprechend gestaltet, möglichst offen zum gemeinsamen Flur.

Die Raumarchitektur ist wichtig – vom Belehrungsraum zur Lernlandschaft – aber nicht entscheidend für das ungewöhnliche Lehr- und Lern-Konzept an dieser Schule. Es gibt nur noch Doppelstunden. 45 Minuten seien oft zu wenig, dann wird der Rest in die Hausaufgaben verlagert. Dass erfordert in der nächsten Stunde die Kontrolle der Hausaufgaben. Damit geht wieder wertvolle Unterrichtzeit verloren. Schmalisch hat ausgerechnet, dass das 20 vergeudete Unterrichtstunden im Jahr in einer Klasse ausmacht. Hausaufgaben sind in Oettingen fast unnötig. Schule soll Schule bleiben und Freizeit solle Familienzeit bleiben. Die Doppelstunden werden aber nicht für den Frontalunterricht benötigt, sondern sind individuelle Lernzeiten für die Schüler.

Ja, Schüler lernen dort aus eigenem Antrieb, in selbstorganisierten Klein-Gruppen. Selbst wenn der Lehrer später kommt, arbeiten schon alle ganz selbstverständlich an ihren eigenen Aufgaben. Die Anleitung zum Lernen entfällt, und wird ersetzt durch das klare Setzen von Jahreszielen. Dafür wurde der gymnasiale bayerische Lehrplan in eine Schüler-verständliche Sprache übersetzt, und mit jedem Schüler besprochen. Jedes Themenfeld ist mit einem Test abzuschließen, den die Schüler jederzeit machen können. Damit bestimmen sie das Lern-Tempo selbst. Dieser aufbereitete Lehrplan gibt über Farb-Markierungen gleich Hinweise zu bereitgehaltenem Lernmaterial, dass sich Schüler jederzeit holen können.

Meine Sonntage sind jetzt wirklich frei, schwärmt Lehrer Schmalisch. Das war früher anders, weil die Unterrichtsvorbereitung für die Woche sonntags nie fertig war. Jetzt wird Unterrichtsmaterial gemeinsam mit den Kollegen erarbeitet, was im Team leichter geht und dann auch von allen an der Schule genutzt werden kann. Und so manches tragen auch Schüler bei, wie z.B. die Kleingruppe die den “Kubikmeter” gebaut hat. Schließlich sollen die Schüler sich gegenseitig ihre Ergebnisse vorstellen – und sich damit unterrichten. Am Ende solcher Unterrichte machen die Schüler für ihre Mitschüler auch oft Lernzielkontrollen. Die reden dabei aber nie von Test. Sie sprechen nur von einem Quizz!

Günther Schmalisch sagt, Lernen erfordere

  • Interesse, Neugier
  • Individualität
  • Bewegung
  • Emotion
  • Eigenaktivität
  • und Vorbilder.

Die Kunst sei es, zunächst Interesse zu wecken, und das bei jedem Einzelnen. Dann sei persönlicher Freiraum beim Lernen nötig. Auch Bewegung hilft beim Lernen, das wissen wir schon lange. Trotzdem zwingen wir Kinder in der Klasse still zu sitzen. In Oettingen nicht. Klassenräume und Flure sind dort Lernlandschaften, die beliebig betreten und auch wieder verlassen werden dürfen. Und wenn mal Arbeit am Tisch nötig ist, gibt es höhenverstellbare Tische die ein abwechselndes Arbeiten im Stehen oder Sitzen ermöglichen.

Bild: von PublikDomainPicures bei pixabay http://pixabay.com/de/

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Das Verhältnis der Lehrer zu den Schülern ist offensichtlich sehr wertschätzend, wenn man Günther Schmalisch glauben darf. Er würde am liebsten bei den Test-Korrekturen immer alles hervorheben, was richtig gemacht wurde, und nicht die Fehler. Zumindest die rote Tinte gibt es an dem Gymnasium nicht mehr. Rot ist als Fehler-Markierung wohl für die nächsten Jahrzehnte dort tabu. “Die Zeit des Blutvergiessens ist vorbei” sagt Schmalisch.

Diese ganz andere Art Rahmenbedingungen für selbstorganisiertes Lernen zu gestalten – und nicht das Lernen selbst – hat ganz viel Ähnlichkeit mit dem was wir Lernen 2.0 nennen. Die Haupt-Kriterien für Lernen 2.0 sind

  • Austauch mit Anderen auf gleicher Augenhöhe
  • und selbstorganisiertes, selbstbestimmtes Vorgehen, ohne Anleitung von außen.

Beide Bedingungen scheinen erfüllt. Für Lernen 2.0 braucht man gar kein Internet. Günther Schmalisch geht übrigens wirklich in die Knie um mit Schülern zu sprechen! Wenn Schule den Kindern Spaß macht, dann ist er zufrieden. Einige Tipps gab er am Ende des Vortrages noch an Kollegen:

  • Machen sie einfach die Klassentür auf – und sie holen sich die Ruhe rein.
    Schüler sollen dann auch draußen lernen dürfen, womit er sehr gute Erfahrungen gemacht hat.
  • Ich brauche das Lehrbuch gar nicht: Schüler können das selber schreiben, oder aufnehmen. Schulbücher werden ohnehin nicht für die Schüler gestaltet, sondern für die Lehrer, die es kaufen oder empfehlen sollen.

Der faszinierende und glaubwürdige Vortrag wurde von Monika Roemer-Girbig vom Bayerischen Elternverband e.V. in der vhs Erlangen organisiert. Herzlichen Dank dafür!

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Interview „Lernen 2.0 macht Teilnehmer zu Teilgebern“

Monika König

Lernen 2.0, was ist das und was ist da anders?

Karlheinz Pape

Das Web 2.0 wird auch “Mitmachweb” genannt.

Für Kommunikation im Web ist der Antrieb zum Mitmachen der Wunsch nach eigener Entwicklung. Den Prozess nennen wir lernen.

Auffällig ist, wie Kommunikation im Web abläuft: – Selbstorganisiert – auf gleicher Augenhöhe – mit viel Wertschätzung – und immer freiwillig

Wenn dort Lernen ohne den Anstoß von anderen (Pädagogen, Trainer) und ohne didaktische Gestaltung stattfindet, dann sollten wir Learning Professionals gut hinschauen. Offensichtlich hat sich ohne unseren Einfluss eine Lernkultur ausgebildet, von der wir lernen können – z.B. dass dort die Rollen ständig wechseln: Jeder ist mal Beitragender und mal Aufnehmender..

Das ist für mich auch das Haupt-Kriterium für Lernen 2.0: Jeder ist abwechselnd mal Lehrender und mal Lernender. Man könnte auch sagen, wo Teilnehmer zu Teilgebern geworden sind, handelt es sich um Lernen 2.0.

Monika König

Das klingt so nach einer aktuelleren Version unseres Lernens?

Karlheinz Pape

So ist es natürlich nicht. Lernen ist immer noch dasselbe bei uns Menschen. Vielleicht sollten wir den Prozess des Lernens aber besser den Menschen selbst überlassen. Die können das nämlich sehr gut auch allein, und vielleicht sogar besser, als wenn wir diesen Prozess von außen steuern.

Monika König

Aber sind da nicht viele überfordert, wenn sie Selbstlern-Kompetenz zeigen müssen?

Karlheinz Pape

Das sagen Trainer und Pädagogen immer gern. Bevor Kinder in die Schule kommen, lernen sie ganz viel – ohne jegliche Anleitung. Zum Beispiel beherrscht ein dreijähriges Kind seine Muttersprache mit aller Grammatik vollständig. Das ist eine enorme Lern-Leistung, wie jeder weiß, der eine weitere Sprache gelernt hat.

Und in Unternehmen sagen wir ja auch, dass 80 bis 95% allen Lernens informell ist, also ohne didaktische Gestaltung, ganz und gar vom Einzelnen selbst gesteuert.

Damit wird schon deutlich, dass wir alle große Meister im Selbst-Erarbeiten, auch komplexer Dinge sind. Nur sagt dazu keiner, er habe gelernt. Der Begriff ist im Alltags-Verständnis stark mit formalem Lernen verknüpft.

Monika König

Heißt das, wir sollten die formalen Lern-Settings nicht mehr anbieten?

Karlheinz Pape

Nein, das will ich damit nicht sagen. Es gibt auch gute Gründe für das eine oder andere klassische Training. Z.B. wenn es mehr um für alle gleiche Informationen geht, kann ein klassisches Lern-Setting eine vernünftige Form sein.

Allein die eigentlich alte Erkenntnis, dass Lernen immer ein individueller Vorgang ist, der nur durch persönliche Lerner-Aktivität stattfindet, sollte uns viel öfter abhalten von gestalteten Lern-Maßnahmen für “Zielgruppen”.

Wir stellen uns dafür immer einen typischen Vertreter dieser Zielgruppe vor, für den wir das eLearning oder das Seminar entwickeln.

Die Person kommt aber nie. Da kommen ganz andere, mit anderen (unterschiedlichen) Vorkenntnissen und auch mit anderen Zielvorstellungen – die wir nicht einmal kennen.

Also die Idee, wir wüssten was für unsere Lernenden gut und richtig ist, und auf welche Weise sie sich den Stoff am besten erschließen, scheint mir grundsätzlich falsch zu sein.

Monika König

Du traust den Lernenden ja viel zu. Was ist dann die Rolle der Pädagogen und Trainer?

Karlheinz Pape

Aus meiner Sicht sollten wir nicht auf den Prozess des Lernens schauen. Den beherrschen wir Menschen so gut und perfekt, wie das Atmen und Verdauen – über deren Gestaltung wir ja auch nicht nachdenken müssen.

Von außen sollten Pädagogen und Trainer – aber auch Führungskräfte – auf die Entwicklung von Menschen schauen.

Entwicklung entsteht durch Annehmen von Herausforderungen. Im Beruf gibt es genug Herausforderungen, aber auch sonst im Leben. Den Weg dahin kann jeder auch allein finden.

Eine neue Rolle könnte eine echte Dienstleister-Rolle mit unterstützenden Angeboten für Lernende sein.

Wenn Lernende sich aus dem Angebot das heraussuchen können, was sie persönlich hilfreich auf dem Weg zum Ziel empfinden, dann sind die Lernenden die Auftraggeber für uns Dienstleister – und nicht umgekehrt.

Und bildlich steht der Auftraggeber über dem Dienstleister. Im besten Falle begegnen sich beide als Partner auf gleicher Augenhöhe.

Und damit sind wir wieder bei einem Grundprinzip des Web 2.0: Umgang auf gleicher Augenhöhe.

Monika König

Wie könnte so ein Lern-Setting konkret aussehen?

Karlheinz Pape:

Zunächst sollte man sich immer fragen, ob es dafür überhaupt eines besonderen Settings bedarf, oder ob z.B. die Mitarbeiter bei genügend klaren Zielen und einer Unterstützung der jeweiligen Führungskraft, auch allein dahin kommen.

Dann ist kreatives Beobachten gefragt, um herauszufinden, welche Dienstleistungen von den Lernenden wohl gefragt sein werden. Hier werden bei Lernenden mit jahrzehntelangen klassischen Bildungs-Erfahrungen sicher auch noch klassische Trainings als hilfreich angesehen.

Daneben sollten wir aber neue Lern-Erleichternde Dienstleistungen ausprobieren, wie z.B. Communites of Practice, konnektivistische cMOOC, BarCamps, usw.

Das sind alles Formate, bei denen sich die Dienstleistung ganz wenig bis gar nicht mit Inhalts-Aufbereitung und Darstellung schmückt. Dafür umso mehr, die Vernetzungs-Aufgabe zwischen den Lernenden und das Anstoßen, Triggern der Lernenden in den Vordergrund stellt.

Monika König

Du sprachst vom Konnektivismus. Kannst Du das noch kurz erläutern?

Karlheinz Pape

George Siemens und Stephen Downes, zwei kanadische Pädagogen waren unzufrieden mit alle den vielen Lern-Theorien und haben deshalb eine neue formuliert. Der Konnektivismus hat ganz verkürzt zwei wesentliche Aussagen:

  • Das Wissen liegt im Netzwerk
  • Lernen ist die Fähigkeit, Verbindungen in diesem Netzwerk zu knüpfen

Damit haben sie eigentlich die Funktion unseres Gehirns auf die Außenwelt übertragen. Und das erscheint sehr plausibel. Mit Netzwerk meinen sie nicht nur Menschen als Knotenpunkte, sondern ebenso Datenbanken, Bücher, Videos, Dokumente.
Dann sagen sie auch, das Wichtige ist nicht die Information, das Wissen. Das sei flüchtig. Das Wichtigste ist das Netzwerk, das lässt immer wieder neues Wissen anzapfen und zusammenstellen.

Monika König

Gibt es konkrete Umsetzungen für konnektivistische Lern-Settings?

Karlheinz Pape

Der erste MOOC war der Versuch einer Umsetzung. Alle cMOOC sind das bis heute.

Der Veranstalter

  • Gibt das Thema an
  • Legt Beginn- und Ende-Datum fest
  • Eröffnet jede Woche mit einem neuen Themenaspekt
  • Stellt relativ wenig Material dazu bereit
  • Regt die Teilnehmer an, sich damit und mit weiteren Quellen in der jeweiligen Woche öffentlich auseinander zu setzen
  • Gibt einen Hashtag vor, um alle Beiträge im Netz auffindbar zu machen
  • Gibt am Ende der Woche eine kurze Zusammenfassung von Erkenntnissen aus den sich gebildeten Communities an alle, damit sich jeder bei den ihn interessierenden einklinken kann

Kurz gesagt: Der Veranstalter schafft einen Rahmen, in dem der Austausch, das Bilden von Communities zu einem Thema möglich wird.
CMOOC-Veranstalter setzen auf die Selbstorganisation der Teilnehmer, auf deren Aktivität miteinander, und unterstützen eher bei der Community Bildung als mit Inhalten.
Damit trauen sie den “Teilgebern” zu, dass sie das erfolgreich machen werden. Sie werten Teilgeber damit gegenüber üblichen Teilnehmern, denen man sagt, was sie zu jeder Zeit tun sollen, deutlich auf.

Monika König:

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, die meisten MOOC sind heute sog. xMOOC, und keine nach diesem Selbstorganisations-Prinzip ablaufenden cMOOC.
Du sprachst von BarCamps. Fallen die in die gleiche Kategorie?

Karlheinz Pape

Auch BarCamps sind besondere Lernumgebungen, die nur den Rahmen für Lernen schaffen. Die Veranstalter verzichten sogar gänzlich auf durch sie eingebrachte Inhalte
Zur Erläuterung: BarCamps gehören zu den Un-Konferenzen, die entstanden sind, nach dem Konferenzteilnehmer hinterher immer wieder sagten, das Beste waren die Pausen.
In den Pausen suchen sich die Menschen die Gesprächspartner selbst, und die Themen über die sie sprechen möchten.

Genau das organisiert man in einem BarCamp. Man beginnt morgens mit einer leeren Tages-Agenda, und fragt dann, wer eine Session gestalten möchte. So füllt sich dann die Agenda in mehreren Räumen parallel und für jede Stunde mit neuen Sessions. Nach der Sessionplanung sucht sich jetzt jeder “Teilgeber” die ihn am meisten interessierende Session. In den Sessions wird oft viel diskutiert, so dass man ganz viele Perspektiven zu einem Thema erfährt. Das macht es leichter sich sein eigenes Bild zusammenzusetzen, als wenn nur ein Trainer seine Perspektive darstellt.

Monika König:

Wie reagieren Teilnehmer oder besser “Teilgeber” nach BarCamps?

Karlheinz Pape

Das ist es, was uns so antreibt: Die sind i.d.R. alle abends wirklich glücklich. Nur fröhliche entspannte Gesichter, obwohl so ein BarCamp-Tag sehr dicht gedrängt ist. Nach einem halben Tag voller klassischer Vorträge ist man ja meist schon geschafft.
BarCamp-Teilgeber sagen zudem häufig, dass sie noch nie so viel gelernt haben. Und das, obwohl es für die meisten Sessions keine didaktische Vorbereitung, und keine Folien gibt. Wenn wir mehr lernen ohne Didaktik, sollte uns das mindestens nachdenklich machen

Auch wirtschaftlich ist das BarCamp als Lernumgebung interessant: Keine aufwändige inhaltliche Vorbereitung ist nötig. Kein Experte muss eingeladen und bezahlt werden. Im Plenum sitzt eben mehr Expertise als aufs Podium passt.

BarCamps sind aus meiner Sicht gute Beispiele für Lernen 2.0
Aber BarCamps sind nur eine Form von vielen für Lernen 2.0

Monika König

Nenn uns noch ein paar andere Lernen 2.0 Formate, die Teilnehmer zu Teilgebern machen

Karlheinz Pape

Bei vielen spricht man gar nicht von Lernen. Das ist aber wesentlicher Inhalt bei:

  • Communities of Practice
  • World Cafe
  • Open Space
  • SCRUM
  • Design Thinking
  • cMOOC
  • Hackathon
  • Internet-oder Intranet-Foren
  • Wiki-Gemeinschaften
  • Blogs, öffentlich oder Organisationsintern
  • MicroBlogs, öffentlich oder Organisationsintern

Aber auch viele neue selbstorganisierte Formate etablieren sich gerade, wie z.B.:

  • WebMontag
  • Creative Monday
  • Ignite
  • PechaKuchaNight
  • Twittwoch
  • Lernen 2.0 Stammtisch
  • Social Bar
  • PHP User Group
  • Agile Monday
  • und viele mehr.

Die Liste ist heute schon sehr lang, Tendenz steigend, weil die Menschen diese selbstorganisierte und gleichberechtigte Austauschform offensichtlich sehr schätzen.

Monika König

Danke für das Interview!

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Lernen 2.0 – Jeder ist mal Lehrender und mal Lernender

Das war der Titel meines Vortrages bei der MFG in der letzten Woche (Folien hier). Lernen ist schon so ein schillernder Begriff mit vielen Deutungen, wie soll dann erst Lernen 2.0 verstanden werden. Die immer erfreulich kurze Schnell-Definition bei Wikipedia – meist ein Satz ganz am Anfang – erläutert Lernen mit 142 Worten in 5 Sätzen. Der englische Begriff Learning benötigt sogar 317 Worte! Und wenn man sich Lerntheorien anschaut, dann gibt es beinahe unübersehbar viele. Das heißt, eigentlich wissen wir nicht so genau, was Lernen ist. Je nach Disziplin definieren wir Lernen anders.

Ich wage mal folgende Aussage:

  • Lernen ist der Prozess, der zu einer neuen oder erweiterten Kompetenz führt
  • Lernen ist ein Prozess, den Menschen von allein und ohne Anleitung beherrschen
  • Lernen scheint eine angeborene Fähigkeit von uns Menschen zu sein, wie das Atmen oder das Verdauen.

Vielleicht sollten wir beim Lernen auch nicht versuchen, von außen zu gestalten – so wie wir ja auch das Atmen nicht anleiten. Das meiste Lernen findet ohnehin von ganz allein statt, das sehen wir bei Kleinkindern. Und auch bei Erwachsenen ist das informelle Lernen die weitaus überwiegende Lernform. Alle Menschen, besonders auch die Mitarbeiter in Unternehmen, sind also wahre Meister im Sich-etwas-selbst-Erarbeiten. In klassischen Lehrsettings nehmen wir die gleichen Menschen aber oft an die Hand, weil wir glauben, allein können die das nicht. Im Web 2.0 sind inzwischen viele ganz andere Kommunikations- und Lern-Formen entstanden, die auf Prinzipien beruhen, die wir uns bisher kaum als funktionsfähige Grundlage vorstellen konnten. Selbstorganisation ist eines der ganz starken Prinzipien im Web 2.0. Wertschätzender Umgang auf gleicher Augenhöhe ein weiteres, wie auch die Offenheit zum Mitmachen für jeden.

Die “2.0 Prinzipien” kann man auch als Lern-Prinzipien verstehen, dann sprechen wir von Lernen 2.0. Woran man den Unterschied erkennt:

Unsere klassisch organisierten Lernformen sind

  • Arbeitsteilig: Einer ist Lehrender, die anderen sind Lernende
  • Geführt und gestaltet: Lehrende gestalten den Lernprozess, führen die Lernenden
  • Geplant und umfassend: Systematisch aufgebaut, möglichst umfassend erklärt
  • Immer von Lehrenden aus der Dozenten-Perspektive erdacht
  • Für Zielgruppen, mit typischen Lernern, nicht für Individuen
  • Wirtschaftlich optimiert bei der Dienstleistungs-Produktion, weniger Lern-optimiert für den Einzelnen

Das Web macht ganz andere Lernformen deutlich:

  • Menschen, die sich nicht kennen, tauschen sich in Foren aus
  • Menschen schreiben öffentlich in Blogs, andere kommentieren
  • Menschen schreiben Microblogs (Twitter), andere Re-Tweeten und antworten
  • Menschen schreiben gemeinsam in Wikis, Größter Erfolg: Wikipedia
  • Menschen zeigen ihr Wissen in Videos, z.B. auf Youtube
  • Menschen diskutieren Themen in Facebook und Google+

Und das alles ohne Führung, ohne gestaltende Anleitung, ohne didaktischen Plan! Alle Web 2.0 Aktivitäten sind gekennzeichnet durch Aktivität von Einzelnen. Einige schreiben, einige kommentieren, viele lesen mit. Dabei haben sich einige Grundregeln, insbesondere in den Fach-Diskussionen im Web herausgebildet:

  • Gleiche Augenhöhe: Alle Beiträge werden akzeptiert, egal von wem
  • Neue Mitglieder sind willkommen
  • Ansehens-Hierarchie entsteht nur durch gute Beiträge
  • Ungewöhnliche Idee und Sichtweisen sind willkommen
  • Jeder darf jederzeit entscheiden, ob er beitragen, kommentieren oder lesen will
  • Jeder darf eine neues Thema eröffnen
  • Lob für gute Beiträge ist üblich (deutlich mehr als im realen Leben)
  • Kritik muss sachlich sein, sonst reagiert die Community korrigierend

Nirgends ist eine planende oder ordnende Funktion zu erkennen. Selbst Community-Manager regen höchstens Themen und Diskussionen an, wenn das nicht von allein geschieht.

Lernen 2.0 anregende Settings sind (Beispiele)

  • cMOOC
  • BarCamps
  • Open Space
  • WorldCafe
  • Communities of Practice
  • EdChats
  • Hackathons

Erläuterungen dazu in den Vortrags-Folien.

Beim Betrachten dieser Lernen 2.0 Settings fällt auf, dass es keine festgelegten Rollen mehr gibt. Jeder ist mal Beitragender und mal Nehmender, oder mal Lehrender und mal Lernender. Noch kürzer ausgedrückt: Alle Beteiligten sind zu “Teilgebern” geworden. Und das Erstaunliche: Dabei funktioniert Lernen sogar richtig gut.

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Mein persönliches Fazit zum gerade endenden #mgmt20 MOOC

Zwei innere Stimmen höre ich da: Die eine spricht mich tadelnd an “Du hättest Dich viel mehr mit den einzelnen Themenwochen auseinandersetzen müssen. Hast Du überhaupt irgendwo mitdiskutiert?”

mgmt20banner-350Und die andere Stimme sagt “Hochachtung, 6 Themenwochen, 1011 Teilnehmer, 20 gut ausgesuchte Experten, viele Thesenpapiere und 6 Experten-Gespräche dauerhaft mit CC BY im Netz, 1214 Beiträge in der XING-Gruppe, etliche Blog-Beiträge und unzählige Tweets. Das ist alles ehrenamtlich entstanden, von allen zusätzlich zum Alltags-Job!”.

Und es ist ein perfektes Lernangebot geworden, der Management 2.0 MOOC, möchte ich am liebsten der Stimme antworten. Lernangebot ist wohl auch die passende Bezeichnung für diesen MOOC. Wir müssen uns wohl alle noch daran gewöhnen, aus bereitgestellten Angeboten, nur das uns Interessierende auszuwählen – ohne schlechtes Gewissen, doch nicht alles bis zum Ende bearbeitet zu haben. Es fällt uns auch noch immer schwer das “Nur-Lesen” irgendwie auch als ausreichend und trotzdem hilfreich zu akzeptieren. Passt es doch so gar nicht in unsere Bildungs-Sozialisation, in offiziellen Lern-Settings selbst Intensität und Eindringtiefe zu entscheiden.

Bildquelle: Cogneon Akademie CC BY SA

Bildquelle: Cogneon Akademie CC BY SA

Aber genau darin liegt ja der unschätzbare Vorteil solcher offenen Formate: Wir lernen nur noch für uns selbst, nicht für einen Lehrer oder eine Prüfung. Und bei genauerem Hinsehen können wir eigentlich ganz gut entscheiden, was derzeit gerade hilfreich ist – und was nicht. Das kann ja in einem Monat schon ganz anders sein. Aber dafür sind ja die Positionspapiere mit den Hinweisen auf weiterführende Quellen und die Expertengespräche noch im Netz verfügbar. Nur das soziale Lernen in der großen Community wird dann sicher schwieriger. Die 1214 Beiträge nur in der XING-Gruppe zeigen aber, dass es viele Teilnehmer gab, die ihre persönliche Entwicklung während des MOOC als “Teilgeber” intensiver vorangetrieben haben. Für mich ein untrügliches Zeichen dafür, dass wir alle ganz perfekte Lerner sind, die genau wissen, wann welcher Einsatz sinnvoll ist. Selbststeuerung ist die Voraussetzung für Selbstorganisation. Beides konnte man hier im mgmt20 MOOC beobachten, in den Foren, wie auch in den regionalen Lerngruppen.

So ist dieser MOOC eigentlich selbst ein Beispiel für “Management 2.0″. Die MOOC Macher von Cogneon haben 1011 Teilnehmer zum Mitarbeiten angeregt, und sie haben sich selbst von diesen Teilnehmern leiten lassen: Die Expertengespräche wurden von den Fragen und Beiträgen der Teilnehmer bestimmt.

Deshalb auch von meiner äußeren Stimme ein “Hochachtung” vor den Cogneon-Machern! Was große deutsche Bildungseinrichtungen kaum schaffen, macht ein noch kleines Beratungshaus schon zum ersten Mal perfekt vor. Lehren und Lernen bekommt deutlich andere – leichtere – Formen. Große Bildungshäuser sind dafür gar nicht notwendig.

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Volkshochschulen im Aufbruch: Wecke den Riesen auf

928 selbständige Volkshochschulen gibt es in Deutschland. Fast jeder verbindet mit Volkshochschulen klassischen Frontal-Unterricht, meist regelmäßig abends. Mal mehr oder weniger gut, die Kurs-Qualität hängt vom “Kursleiter” ab. Der Unterricht findet in kahlen Klassenräumen statt. Am Ende sind die Stühle wieder auf die Tische zu stellen. So jedenfalls werden sich die meisten den VHS-Unterricht vorstellen oder noch selbst erleben.

header-web-neuJetzt überrascht ein öffentlicher “vhsMOOC” mit 689 Teilnehmenden. Fast alle sind VHS-Mitarbeitende und Kursleitende. Öffentlich: Jeder kann mitlesen und jeder kann mitdiskutieren! Auf mehreren Plattformen wird gleichzeitig gepostet und kommentiert, auf Google+, auf Facebook, auf Twitter und sogar auf Youtube sind 48 Videos zum vhsMOOC entstanden. Ein unerwartetes Bild: Man reibt sich verwundert die Augen, mit welcher Selbstverständlichkeit sich immer wieder andere VHS-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im “VHS-Fernsehen” auf Youtube über Weblernen, neue Lehr- und Lernformate, unterstützende Tools und die Entwicklung der Volkshochschulen, live im Internet aüßern. Diese Videos werden dann auch noch so wie sie sind als Konserve auf Youtube öffentlich bereitgestellt.

Wer veranstaltet eigentlich diesen vhsMOOC?

Das Impressum der vhsMOOC-Homepage weist Joachim Sucker als Haupt-Verantwortlichen aus. Joachim Sucker ist der Marketing-Chef der Hamburger VHS. Aber mit Marketing für die Hamburger kann man den vhsMOOC wohl nicht verbinden. Die weiteren offiziell genannten “MOOC-Macher” sind Dr. Christoph Köck: Hessischer Volkshochschulverband, Dr. Martin Lindner: externer Experte für digitale Bildung, und Stefan Will: Volkshochschule Landkreis Fulda. Das sieht nicht nach offizieller Mission aus. Noch eigenartiger: Der MOOC hat offizielle Sponsoren und Unterstützer, darunter wenige vhs-Landesverbände, und größere und kleine Volkshochschulen. Der vhs MOOC eine Graswurzel-Bewegung, für die sich gleich fast 700 Personen offen registriert haben? Und das innerhalb von behördlichen Strukturen: Die Träger von VHS sind i.d.R. Gemeinden oder Landkreise.

Hochachtung, hier zeigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie notwendige Veränderungen in festgefügten Strukturen ganz unaufgeregt mit Sachverstand und Netzwerk-Bildung begonnen werden. Dazu braucht es keinen Auftrag, nur einen Initiator. Der vhs MOOC läuft jetzt in der achten Woche und kann schon die Ergebnisse von vier virtuell vernetzten Arbeitsgruppen und unzähligen Beiträgen auf den vielen Plattformen auswerten. Man stelle sich nur vor, wie lange solche Ergebnisse wohl gebraucht hätten, würde man die in Workshops mit üblicher Dienstweg-Einladung erarbeitet haben. Nun liegen interessante Ergebnisse vor, von Menschen zusammengetragen, die man offiziell vermutlich dafür kaum angesprochen hätte. Und die auch noch weitgehend außerhalb der Dienstzeit entstanden sind, weil sich Mitarbeitende und Kursleitende dafür freiwillig engagieren.

Selbstorganisation und Netzwerkbildung sind Schlüsselbegriffe für solch mächtige Bewegungen. Unsere Organisationen heute sind hierarchisch organisiert. Selbstorganisation ist darin nicht vorgesehen. Außerhalb, im Web 2.0, ist Vernetzung und Selbstorganisation schon ganz selbstverständlich. Und wie das Beispiel des vhsMOOC zeigt, lässt sich diese Erfahrung auch für die Entwicklung von Organisationen nutzen.

Welche Absichten steckten eigentlich dahinter?

Die Beschreibung des vhsMOOC ist ein wenig vage, aber eine gewisse Ergebnis-Offenheit braucht so ein nicht-hierarchischer Prozess wohl auch (Auszug aus der Homepage):

Unser Oberthema ist: “Weblernen mit der Volkshochschule” aka (also known as) “Wecke den Riesen auf, denn wenn Volkshochschule wüsste, was sie weiß, und ihre vielseitigen individuellen Energien und Wissensschätze mit Unterstützung des Internets vergemeinschaften würde, dann wäre die Welt supertoll, alles wäre in Ordnung, man muss also nur wissen wie, und es dann auch gemeinsam angehen und machen”.

Es geht jedenfalls klar um die Entwicklung der VHS und nicht in erster Linie um das Lernen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Das ist wieder eine angenehm überraschende, neue Ziel-Definition eines MOOC. Die rasante Ausbreitung der Massive Open Online Courses zielte bisher ausschließlich auf das Lernen, auf die Entwicklung der Teilnehmenden. Der vhsMOOC steht für die Entwicklung einer großen Organisation. Und das auch noch von einem Netzwerk initiiert und getragen.

Hier machen uns mutige und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus behördenähnlichen Strukturen vor, wie man aus eigenem Antrieb auch große Veränderungen anschiebt. Das wird nicht ohne Konflikte mit den Organisationen gehen. Andererseits kann auch keine Hierarchie diese Bewegung mehr ignorieren. Es wäre nur klug, den Impulsen der Experten im MOOC zu folgen. Jedenfalls ganz viel Erfolg auf dem weiteren Entwicklungsweg der Volkshochschulen. Wenn das so weitergeht, dann entsteht hier ein Muster-Beispiel für die Innovation unseres öffentlichen Bildungssystems. Das macht Mut.

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Qualität von BarCamps

Vorab: Ja, ich schätze BarCamps sehr, weil ich dort sehr viel lerne, und weil es Spaß macht “Teilgeber” zu sein. In der letzten Woche habe ich zwei BarCamps (#CCB13 und #ECB13) als einfacher Teilgeber mitgestaltet, und erst vor gut einem Monat das CorporateLearningCamp (#CLC13) in der Veranstalter-Rolle. Deshalb liegt mir sehr an einem attraktiven und professionellen Image von BarCamps. Auch wenn BarCamps keinen Vier-Sterne-Hochglanz-Eindruck hinterlassen sollen, muss diese innovative Konferenzform auch die begeistern, die bisher mit klassischen Konferenzen zufrieden waren. Das ist die Masse, die es für einen Austausch auf gleicher Augenhöhe in Sessions zu gewinnen gilt. Nach nun schon jahrelanger BarCamp-Erfahrung in Deutschland, treffe ich immer noch die gleichen Zielgruppen, oft auch die gleichen Personen. Und einige BarCamps wirken auch auf mich sehr “handgestrickt”, so dass ich schon manchmal ganz froh war, wenn niemand aus meinem Netzwerk meiner Mitmach-Empfehlung gefolgt ist.

DSCN4905-001Für die Qualitätsbeurteilung bei BarCamps schlage ich die grundlegende Qualtitätsdefiniton vor: “Übereinstimmung zwischen Erwartung und Erfüllung”. Das ist eine ganz persönliche Beurteilung, individuell von jedem Teilgeber. Einfacher ausgedrückt ist es die Frage: Hat es sich gelohnt, zum BarCamp zu kommen?

Ob sich das Beteiligen an einem BarCamp lohnt, hängt natürlich von den Session-Themen, den Session-Gestaltern und den jeweils anwesenden Teilgebern ab. Auf den ersten Blick scheint ein BarCamp-Veranstalter darauf gar keinen Einfluss zu haben. Sind dann die erlebten Qualitäts-Unterschiede immer nur Zufall, weil gerade die passenden Teilgeber zusammengekommen sind?

Verantwortung der BarCamp-Veranstalter

Aus meiner Sicht ist das Anbieten eines BarCamps – genau wie das Anbieten einer klassischen Konferenz – ein Leistungs-Versprechen für das es sich als Teilnehmer lohnt, Zeit und Aufwand zu investieren. Man stelle sich nur vor, ein internes BarCamp soll in einer Firma stattfinden. Dann muss sich der Veranstalter ganz selbstverständlich für die eingesetzte Arbeitszeit aller Teilgeber verantworten. Das muss sich lohnen.

BarCamps leben als Un-Konferenzen von dem Gegensatz zu klassischen Konferenzen. Der Unterschied liegt aber ausschließlich in der inhaltlichen Gestaltung, die bei BarCamps selbstorganisiert durch die Teilgeber erfolgt. Der gesamte Teil der Veranstaltungsorganisation ist identisch zu klassischen Konferenzen, nur um Referenten braucht man sich nicht zu kümmern. Damit wird das Leistungs-Versprechen für BarCamp-Veranstalter schon erheblich schwieriger. Wenn inhaltlich gestaltender Einfluss direkt nicht mehr möglich ist, dann bekommen die verbleibenden Veranstalter-Aufgaben eine wesentlich höhere Bedeutung für die Qualitäts-Wirkung von BarCamps. So gesehen, könnte man gute BarCamp-Veranstalter als Benchmark für klassische Konferenz-Veranstalter hernehmen, bei denen man lernen kann, wie man – ohne inhaltlich gestalten zu können – die Rahmenbedingungen so optimiert, dass trotzdem eine gute Konferenz entsteht.
Das optimale Gestalten der Rahmenbedingungen und der Kommunikation sind die einzigen Hebel mit dem Veranstalter die BarCamp-Qualität beeinflussen können.

DSCN4813-001Kommunikation für optimale BarCamps

Mit gezielter Kommunikation müssen die relevanten Personen erreicht werden, die als Experten zum Mitmachen überzeugt werden sollen. Das beinhaltet heute dauerhafte Integration in bestehende relevante Communities und Aufbau und Pflege einer eigenen dauerhaften Community. Es genügt i.d.R. nicht, die Community nur einmal im Jahr zum Camp zusammenzuholen. Meine Beobachtung: Gut vernetzte Veranstalter haben meist auch lohnende BarCamps. Gut vernetzt bedeutet hier, auf verschiedenen Ebenen mit unterschiedlichen Personen Kontakte zu pflegen. Das Selbstorganisations-Prinzip bei BarCamps lebt von Diversity. Es muss also gelingen, die richtigen – unterschiedlichen – Personen – als Teilgeber fürs Camp zu gewinnen. Mit der Teilgeber-Zusammensetzung können Veranstalter die Wahrscheinlichkeit lohnender Sessions beeinflussen. Wen man da gewinnt, hängt wiederum von Reputation und Glaubwürdigkeit des Veranstalters in der jeweiligen Szene ab. Vielleicht kann man das auch so ausdrücken: BarCamps sind Vernetzungs-Hubs, die dann interessant sind, wenn der Hub-Betreiber viele interessante Kontakte hat.

Gestaltung der Rahmenbedingungen während des BarCamps

Die kritische Auseinandersetzung mit der Gestaltung von lernanregenden Rahmenbedingungen steht auch stellvertretend für die Gestaltung der neuen Lern-Begleiter-Aufgabe von uns Learning Professionals. Deshalb ist die intensive Beschäftigung damit für uns sehr lohnend.

Im Wesentlichen beschränkt sich der Gestaltungsspielraum für Veranstalter eines BarCamps auf

  • die gesamte Kommunikation vor, während und nach dem Camp
  • die Einstimmung zu Beginn des BarCamps
  • die zeitliche Gestaltung des Tagesablaufes
  • die Bereitstellung und Vorbereitung geeigneter Räume / Umgebungen für Plenum und Sessions
  • die Vorbereitung für die (selbstorganisierte) Dokumentation
  • und Verpflegung und ggf. Abendevent

Da dies die einzigen vom Veranstalter beeinflussbaren Qualitäts-Parameter sind, wird klar, wie wichtig deren professionell optimierte Umsetzung ist.

Phasen Veranstalter-Aufgaben, Absichten Gedanken zur Verdeutlichung
Einstimmung zu Beginn des Camps
Unter all den Faktoren hat aus meiner Erfahrung die Einstimmung zu Beginn des BarCamps die größte Wirkung auf den weiteren “Konferenz”-Verlauf. Hier muss es gelingen

  • das besondere Klima für diese zwei BarCamp-Tage zu schaffen
  • das andere Miteinander-Umgehen während des gesamten Camps schon hier vorzuleben
  • den “Teilgebern” Mut und Sicherheit für eigene Beiträge zu vermitteln

Mit der morgendlichen Einstimmung wird dem BarCamp so etwas wie die Seele gegeben. Genau das ist aber schwer in Worte zu fassen. Meine Vermutung nach vielen BarCamps: Es kommt wohl mehr auf Authentizität und Ausstrahlung der einstimmenden Person an, als auf Worte und Regeln. Irgendwie scheint es eine besondere innere Haltung zu erfordern, um so eine zeitlich befristete partizipative und hierarchiefreie Umgebung glaubwürdig zu schaffen.

Es muss gelingen, für die Zeit des BarCamps eine unsichtbare Hülle um all die “Teilgeber” zu schaffen.

In dieser Schutz-Hülle soll ein offener und gefahrloser Umgang auf gleicher Augenhöhe für alle spürbar werden.

Meine Veranstalter-Rolle ist die eines Gastgebers, der für das Wohlergehen seiner Fest-Gäste sorgen will. Wie bei einem Fest auch, werden die Teilgeber den Inhalt der Gespräche bestimmen, und damit auch den Erfolg des Festes mitbestimmen. Ich schaffe den Rahmen für optimalen Austausch.

Zeitliche Gestaltung des Tagesablaufes
Auch wenn es eigenartig klingt, ein strenger zeitlicher Rahmen erhöht die Gestaltungsfreiheit für die Teilgeber. 45 Minuten Session und 15 Minuten Verteilpause sind aus meiner Erfahrung optimal für BarCamps mit ein oder zwei Tagen Dauer. Genau 45 Minuten, und nicht 50. Zwei Gründe gibt es dafür:

  • Die konkret begrenzte Zeit zwingt alle Teilgeber in der Session, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf den Punkt zu kommen. Das erhöht i.d.R. die Diskussions-Qualität. Und wer wirklich mehr Zeit braucht, kann ja eine weitere Session dazu verabreden.
  • Die 15 Minuten dazwischen sind wichtige Kommunikationszeiten. Ein BarCamp ist auch ein Vernetzungs-Event, und gerade nach inhaltlichen Session-Diskussionen gibt es gute Anknüpfungspunkte um miteinander ins Gespräch zu kommen. Ganz nebenbei wird mit der großzügig bemessenen Verteilpause die Beginn-Pünktlichkeit der nächsten Sessions erhöht.
  • In jedem Falle auch Zeit fürs gemeinsame Mittagessen einplanen, in der keine Sessions laufen.
  • Und wenn es das Budget erlaubt, empfiehlt sich fürs Netzwerk-Bilden ein gemeinsamer Abendevent – wenn irgend möglich in der gleichen Location. Bei Abendveranstaltungen außerhalb sinkt die Teilnehmerzahl erfahrungsgemäß deutlich.
  • Den ganzen Tag füllen: Bei zweitägigen BarCamps hat sich die separate Anmeldung zu den einzelnen Tagen bewährt, damit auch die erreicht werden, die nicht an beiden Tagen können. Für einen halben Konferenztag reist aber niemand an. Deshalb macht es Sinn, beide als volle Tage zu planen.
  • Jeden Tag nach der letzten Session gemeinsam abschließen. Auch wenn man sich in den Sessions immer wieder trennt, an den zwei Tagen sind alle eine große Community. Das muss immer wieder spürbar gemacht werden.
Eine streng einzuhaltende Zeitstruktur wirkt orientierend und gliedernd in einer selbstorganisierten, nicht planbaren Diskussions-Umgebung.
Vorbereitungen für Teilgeber in realen und virtuellen Räumen
Jeder Trainer kennt den Einfluss von Räumen auf das Geschehen darin.

  • Schon die Änderung der Sitzordnung im Raum ist eine mögliche Option zur Wirkungsoptimierung. Bei BarCamps scheinen kreisförmige Stuhlanordnungen günstig, Tische werden dabei kaum gebraucht. Flipchart und wenn möglich Beamer gehören zur Ausstattung realer Session-Räume. Also, Räume vorher mindestens prüfen, ggf. umräumen. Und wer die Wahl hat, auch die Raumgröße hat Einfluss: Zu klein ist besser als zu groß.
  • Der zentrale Treffpunkt zwischen den Sessions, mit Heiß- und Kalt-Getränken, mit Gesprächsinseln für Pausengespräche und private Mini-Sessions, ist ein weiterer notwendiger Raum, der gestaltet sein will. Hier trifft man sich, hier verabredet man sich, hier informiert man sich, hier versorgt sich jeder. Das ist der Raum mit der höchsten Nutzungsrate. Hier entstehen wesentliche Camp-Eindrücke. Deshalb gut auswählen oder gestalten!

BarCamps sind relativ offene Veranstaltungen. Nicht nur, dass jeder real teilnehmen darf, auch virtuelle Teilnahme wird bei BarCamps oft ermöglicht.

  • Twitter Hashtags und veröffentlichte Etherpad-Adressen ermöglichen eine einfache virtuelle Beteiligung
  • Session-Livestreams machen die virtuelle Beteiligung einfacher, sind aber selten, weil auch recht aufwändig.
45 Minuten sind wenig Zeit. Ein schnelles Wohlfühlen im aufgeräumten Session-Raum erleichtert den Einstieg ins Thema.

Ein vorbereiteter Sessionraum drückt aus, dass man hier erwartet wird, wirkt einladend.

Session-Dokumentation
  • Vorbereitete Etherpads je Session sind ein feiner Service für Teilgeber zum einfachen gemeinsamen Erstellen der Dokumentation schon während des Camps
  • Das Dokumentieren bewusst anregen, und die Session-Gestalter bitten einen Kümmerer zu bestimmen, oder alle auf das Etherpad zu verweisen
  • Zum Twittern anregen (mit Hash-Tag). Einerseits für die Dokumentation der wichtigen Punkte, andererseits um Diskussions-Beiträge von außen anzuregen
  • Zum Blogschreiben anregen (mit Hash-Tag). Im Nachgang die Blogbeiträge auf der Veranstaltungs-Homepage verlinken

Auch hier: Unterschiedlichkeit zulassen!

Vorbereitete Etherpads je Session werden einerseits als netter Service des Veranstalters wahrgenommen, andererseits wird die Wahrscheinlichkeit einer Session-Dokumentation wesentlich erhöht. Aus Lern-Gesichtspunkten erhöht das gemeinsame Schreiben auch die Lerner-Aktivität zum Thema
Verpflegung / Abendevent
  • BarCamps sind irgendwie “informell”. Das soll auch bei der Verpflegung und beim Abendevent sichtbar werden. Kein Vier-Sterne-Koch und kein exklusives Angebot ist hier nötig. Ganz im Gegenteil, Verpflegung und Abendevent-Gestaltung sollen nicht spürbar im Mittelpunkt stehen. Sie dienen ausschließlich der Unterstützung für den Austausch, das Kontakt-Aufnehmen und das Netzwerk-Bilden.
Ungezwungene nette Geprächs-Atmosphäre ist wichtiger als exzellentes Essen und ein Abendprogramm.
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