EduCamp 2011 in Bremen: BarCamp ohne Wände

Photo: Ralf Appelt

Bin gerade auf dem Heimweg vom 7. EduCamp, das diesmal an der Uni Bremen stattfand, und durch perfekte Organisation glänzte. Kein Wunder, war doch Thomas Bernhard – einer der Urväter des EduCamps – diesmal an der Uni Bremen der Veranstalter.

Diesmal konnte man eine neue Offenheit in und zwischen den Sessions erleben: Es gab keine trennenden Wände. Die Location war diesmal die für uns reservierte Uni-Cafeteria auf 3 Etagen mit Sichtverbindung. Der Gedanke der Veranstalter dahinter: So wird es leichter, eine Session auch während der Laufzeit zu wechseln. Vielleicht locken ja auch von der Nachbar-Session interessante Aussagen. Offene Bildung wird somit gut abgebildet, und kann persönlich erfahren werden. Und bei OpenSpace-Veranstaltungen oder WorldCafe’s hat man ja auch meist große offene Räume.

Photo: Ralf Appelt

Die Stimmen der Teilnehmer dazu sind unterschiedlich, einige finden das Klasse, andere wiederum empfanden die Unruhe eher störend.

Ich empfand das als sehr interessantes Experiment, und mir wurde aus eigenem Erleben klar, welche Rolle sonst wandbegrenzte Räume spielen. Wenn ich es wählen kann, werde ich jetzt immer die wandreiche Alternative für ein BarCamp wählen. BarCamp Sessions sind kurz (ich favorisiere 45 Min-, andere auch 30-Min-Sessions) und fordern damit die Konzentration aller Session-Teilnehmer auf das Wesentliche in der begrenzten Zeit. Das scheint mir auch einer der Erfolgsfaktoren von BarCamps zu sein, das Fokussieren – auf ein Thema, auf die Sicht von Anderen dazu, auf interessante Perspektiven zu genau diesem Thema. Den äußeren Rahmen für diese über den Tag getaktete Fokussierung bildet die Zeit und der Raum. Hier scheint mir der geschlossene Raum die Fokussierung deutlich zu unterstützen. Irgendwie scheinen Mauern Energie zu bündeln – oder zumindest im Raum zu halten, was die Diskussion intensiver und zielstrebiger zu machen scheint. So jedenfalls jetzt meine Neu-Einschätzung der positiven Wirkung von abgegrenzten Räumen bei realen Treffen.

Mir scheinen solche Gedanken deshalb wichtig, weil wir Veranstalter von BarCamps ja nur ganz wenige Stellschrauben haben, um Erfolg oder Misserfolg von BarCamps zu beeinflussen. Schließlich haben wir weder Einfluss auf die Themen, noch auf die Teilnehmer, die eine Session halten oder besuchen. BarCamp-Veranstalter sind aus meiner Sicht die Gestalter der Rahmenbedingungen für erfolgreiches Lernen der Teilnehmer während des Camps. Das beginnt bei den Räumen und endet beim Klima der Veranstaltung. Alles aber nur schwer in Listen abzuhakende Bedingungen, weil auch kaum beschreibbar – und dennoch wirksam.

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17 Antworten zu EduCamp 2011 in Bremen: BarCamp ohne Wände

  1. Lisa Rosa schreibt:

    Das fand ich auch sehr gut, die unabgeschlossenen Flächen, die jedoch durch Tischgruppen strukturiert sind. Das gibt es übrigens auch so schon seit Jahrzehnten in der Laborschule und dem Oberstufen-Kolleg Bielefeld (besser bekannt vllt als die HvHentig-Schule). Dort haben sich allerdings auf die Dauer mobile Trennwände in Form von Präsentationsstellwänden als hilfreich erwiesen, wenn wenigstens eine Art Sichtschutz erfoderlich ist. Das ist echt gut! Manche Lehrer haben sich jedoch auch Glashäuser um ihre Fläche setzen lassen – da sind sie sichtbar, aber der Lärm der Umgebung bleibt draußen. Auch eine Lösung!
    Wenn wir das nächste educamp an der Uni bielefeld machen, dann bietet sich das Oberstufenkolleg als location geradezu an:
    1. wegen dieser Flächen;
    2. weil man sich mit educamp-Prinzip auch gut mit dem projektlernprinzip treffen kann, das in dieser Schule seit Jahrzehnten nicht nur praktiziert sondern von der Uni Bielefeld und den Lehrern der Schule, die zugleich auch Forscher sind, beforscht wird. Es gibt einen Verein für Projektdidaktik – ich bin da Mitglied, mit dem könnte man kooperieren, sowie natürlich mit der Schule!
    3. Die Schule liegt direkt neben der Uni.

    • khpape schreibt:

      Danke Lisa für Deinen Kommentar.
      Es gibt natürlich auch für diese offene Form gute Gründe, und vielleicht können Wände ja auch durchsichtig sein. Irgenwie habe ich jedoch die Vorstellung, dass das sehr offene Format BarCamp ja insgesamt das Angebot der schier unendlich vielen Möglichkeiten verkörpert. Und um in der Vielfalt der Themen, Meinungen und Experten überhaupt etwas mitnehmen zu können, sind die Sessions aus meiner Sicht so etwas wie klar abgegrenzte Fokussierungen. Man taucht in den Sessions mal kurz zu einem ganz bestimmten Areal gemeinsam unter, um danach wieder oben zu schwimmen im Meer der Möglichkeiten.
      Also, diesen Wechsel zwischen „oben schwimmen“ und alles sehen können, und begrenztem „Abtauchen“ zum konkreten Erfahren würde ich gern auch durch den äußeren Rahmen – hier durch Wände – unterstützen.

  2. Jöran schreibt:

    Ein Plädoyer für Wände …
    Danke sehr!
    Magst Du noch konkretisieren, in welchem Symptomen es sich für Dich geäußert hat, dass die Energie ohne Wände entfleuchte? (Oder sich gar nicht erst richtig entwickelte?)

    • khpape schreibt:

      @ Jöran,
      Danke für Deinen Kommentar.
      Ich hatte den Eindruck, dass es schon einen Unterschied machte bei den Session-Starts. Die zogen sich länger hin als sonst. Da die meisten ohnehin erst im letzten Moment zu ihrer Session gehen, konnte man hier schon von weitem sehen, da läuft ja noch wenig – also muss ich mein gerade laufendes Gespräch auch noch nicht abbrechen.
      Dann fiel mir auf, dass die gewählten Sitzplätze von Einigen sehr „weiträumig“ genutzt wurden. Eigenartigerweise sind die Plätze vorn ja ohnehin nicht sehr beliebt, und manche ziehen einen möglichst großen Abstand vom Session-Owner vor. Diese „Abstandswahl“ war zuweilen so groß, das damit aus meiner Sicht auch permanent ein Distanz-Wunsch-Signal gesendet wurde. Das scheint mir aber für ein offenes Gesprächsklima nicht förderlich.
      Ich habe den Eindruck, dass auf die Gruppengröße abgestimmte Räume mit Wänden hier zu klarer Entscheidung zwingen „Will ich mitmachen oder nicht“.
      Bitte nicht mißverstehen: Mir geht es nicht um das Erzwingen von Verhalten, aber jedes Individuum trägt mit dem eigenen Verhalten zum Gesamtklima bei. Und wenn Rahmenbedingungen, wie begrenzte Räume, positiv auf das Gesamtklima einwirken können, würde ich das gern nutzen.

      • Jöran schreibt:

        „klarer Entscheidung zwingen „Will ich mitmachen oder nicht“.“
        Da ist etwas dran.
        Ich habe das ähnlich beobachtet, hatte es aber eher auf den Faktor „Zeit“ geschoben.
        Extrem war es bei einer Session am Sonntag, bei der wir zu Anfang mit 6 Menschen um einen Tisch saßen – und erst um xx.10 Uhr begannen, also schon verspätet. Nach und nach kamen dann noch ca. 25 Menschen dazu und gruppierten sich im Umfeld.

        Ich mag deswegen klare Vereinbarungen wie „Sessions sollen 10 Minuten vor dem Anfang des nächsten Slots beendet werden“, also 50 Minuten Slots.

        Allerdings frage ich mich, wie das „nachträgliche Dazukommen“ von Menschen in der erwähnten Session stattgefunden hätte, wären wir in einem abgeschlossenen Raum gewesen. Wie viele wären dann pünktlich da gewesen und wie viele wären gar nicht dazu gekommen?

        • khpape schreibt:

          Jöran, ja ob bei geschlossenem Raum weniger gekommen wären, weiß man leider nie. Insgesamt kann ich Deine Gedanken gut nachvollziehen. Ich favorisiere auch die strenge zeitliche Struktur, die, wie ich meine, das Ganze optimiert. Wenn jeder weiß, die Session dauert genau 45 Minuten, dann fordert das erfahrungsgemäß auch die Konzentration Aller auf das Wesentliche. Und eine zeitliche Ausweitung bringt aus meiner Sicht auch keinen proportionalen Inhaltszuwachs.
          Habe übrigens sehr gute Erfahrungen bei 2 KnowledgeCamps gemacht, wo alle Sessions nach 45 Minuten beendet wurden (bin durch die Räume gegangen), und die 15 Minuten bis zur nächsten Session als Verteil- und Kommunikationspausen genutzt wurden (pünktlicher Start).

          • Felix Schaumburg schreibt:

            Zuerst zu meiner Einschätzung: Ich habe die offenen Räume als Experiment angesehen und sie im Nachhinein als sehr angenehm empfunden. Angenehmer als beim letzten EduCamp in Aachen, wo man – auch durch die Tischanordnung – am Ende doch oft im Vortragsstil beisammen saß.

            Jöran, ja ob bei geschlossenem Raum weniger gekommen wären, weiß man leider nie.
            Mit Sicherheit kann man es nie sagen.😉 Aber die von Jöran angesprochene Session war schon extrem – und das war gut! Dass sich die Teilnehmerzahl innerhalb der Session fast vervierfacht hat, habe ich vorher noch nie erlebt. Und mit geschlossenen Räumen ist das auch nicht möglich. Denn es würde stören, wenn ständig die Türe aufgehen würde und jemand „schaut mal eben vorbei, ob es interessant ist“.

            Es besteht natürlich die Notwendigkeit, dass der Großraum entsprechend schallgeschützt ist, sodass nicht alles von jeder Gruppe auch zur nächsten Gruppe hörbar wird. Dann ist es störend. Da die Räume in Bremen auch als Mensa genutzt wurden, traf dies zu.

            Ich würde gerne das nächste EduCamp wieder mit offenen Räumen durchführen.

  3. Pingback: EduCamp in Bremen

  4. hamster44 schreibt:

    Als Livestream-Gast vom heimischen Sofa aus habe ich das unterschiedlich wahrgenommen, vielleicht habe ich auch nicht alle Angebote erwischt. Am Samstag war eine lebendige Open-Space-Fluktuation der Kamera, die ich aber gar nicht schlecht fand. Am Sonntag kam es mir eher auf jeweils einen runden Tisch zentriert vor, trotzdem war die facebook-Session von irgendwelchen Hintertischgeräuschen? ziemlich gestört. Zum Vergleich kenne ich das educamp Hamburg Frühjahr 2010. Geschlossene-Raumveranstaltungen finde ich ein klein wenig langweiliger, auch wenn sie ohne Frage besser verfolgt werden können. Vermutlich sind die aber für das Streamen die größere Herausforderung. Für die Leute vor Ort könnte ich mir Open-Space mit Verbesserungen vorstellen, evtl. auch im Sinn des Vorschlags Bielefeld von Lisa Rosa.

  5. Gibro schreibt:

    Ich versuche mich mal in der Gegenposition: ich habe die Offenheit sehr genossen. In meiner Session war es aber auch so, dass sich der Beginn aufgrund der Lautstärke sehr verzögert hat, ein kurzer Hinweis hat das Problem gelöst. Ixh fand es sehr angenehm, dass nicht ständig die Tür auf und zu ging. Die von euch angesprochene Pause zum Wechsel von 15 Minuten ist ganz wichtig. Beim Barcamp Ruhr gab es dazu 3 Gongs, einen nach 30 Minuten, einen nach 40 Minuten und dann der Finale nach 45. Das hat jedoch nicht so viel mit den offenen Räumen zu tun. Durch die Verfolgung der Tweets bekommt man natürlich auch ganz viel von den anderen Sessions mit. Der geschlossene Raum finalisiert auch die eigene Sessionwahl. Am Sonntag morgen z.B. war ich kurz versucht, als ich ein wenig bei der Lehrenden-Facebook-Umgangs-Session zuhörte, von der Lego-Session dorthin zu wechseln.

  6. Herr Larbig schreibt:

    Meine Wahrnehmung des „OpenSpace“ in Bremen war zunächst von der Sorge geprägt, dass es laut werden könnte, zu laut, um sich auf eine Session konzentrieren zu können.

    Als Teilnehmer an Sessions und in der von mir selbst angebotenen Session hatte ich diesen Eindruck dann aber nicht mehr. Im Gegenteil: Ich empfand die Lernatmosphäre als angenehm, lebendig, offen.

    Kurioserweise fand ich auch die „fließenden Übergänge“ angenehm, hatte sogar den Eindruck einer insgesamt passenden Zeitdisziplin.

    Dass man bei solchen Veranstaltungen wandern kann, das ist doch Teil des Gedankens hinter dem Educamp und dem Anteil „OpenSpace“, den ich darin wahrgenommen habe. Das Gesetz der zwei Füße gehört vor allem zum OpenSpace dazu, wobei sich das Barcamp da ja sogar eine lockerere Struktur zumutet, als beim OpenSpace vorhanden.

    Stelle ich mir vor, die Möglichkeit des Wanderns wird bei Veranstaltungen mit Wänden und Türen genutzt, führt das zu mehr Störungen oder aber dazu, dass die Leute nicht in den Raum rein kommen.

    Kurz: Ich bin noch immer von der Erfahrung in Bremen fasziniert, weil ich eine solche Tagung noch nicht erlebte.

    Ich habe noch keine Tagung erlebt, die für mich so lehrreich und gleichzeitig in ihrer räumlichen Konzentration so angenehm war. Dadurch, dass alles in einem Raum stattfand, nicht in abgeschlossenen Räumen, kam ich überhaupt erst auf die Idee von einem „Think Tank“ zu sprechen.

    Es gab fließende Übergänge zwischen den Sessions. Das ist richtig.
    Panta rei. – Für mich war dieses Educamp ein Dauer-Flow, den ich auch auf die räumliche Struktur schiebe, die ich vorgefunden habe.

  7. Pingback: Immer schön Beta bleiben

  8. Ulrike Glembotzky schreibt:

    Ob mit oder ohne Wände – „round table“ als neues Mini-Session-Format (s.o. Foto von Ralf Appelt bildet meine Session ab) war m.E. sehr erfolgreich. Das hat den informellen Austausch der Session sehr unterstützt. Ich bin froh, dass ich meine erste Session in dieser Form durchführen konnte.

    • Felix Schaumburg schreibt:

      Das stimmt! Das Format sollte man auch beibehalten.

      Und viele Tische mit Stühlen an einer zentralen Stelle, sodass man sich spontan zusammensetzen kann. War für das Gelingen in Bremen auch förderlich.

  9. Pingback: Das Educamp Ausgabe #echb11 – diesmal von Außen | Lernspielwiese

  10. Sebastian schreibt:

    Interessante Diskussion! Mir brannte der Aspekt der Offenheit des Raumes auch unter den Nägeln; umso mehr weil ich glaube, dass nicht nur in sondern auch am Beispiel der GW2-Cafeteria etwas gelernt werden kann. Heute morgen konnte ich das mal in Ruhe niederschreiben, nachzulesen bei Interesse hier:
    http://sebastian-ploenges.com/blog/2011/lernraeume/

    Kurz: Schließe mich Felix, Lisa, Gibro und Herrn Larbig an.
    Ich halte das Experiment für zukunftsfähig und wegweisend.

  11. Pingback: Prof. Dr. Karsten D. Wolf » Blog Archiv » Educamp Bremen: Gelungenes perpetual de-establishment?

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