Social Media für Lehr- und Lernprozesse – die falsche Frage? Opco11

6. Woche des OpenCourse „Zukunft des Lernens“ :  Rolf Schulmeister hat heute in einem Online-Vortrag  u.a. seine Studie zur Medien-Nutzung von Studenten vorgetragen. Über 400 Studenten haben jeweils 5 Monate lang online stündliche Angaben zur Zeitverwendung gemacht. Danach werden im Durchschnitt aller Studenten 23 Stunden pro Woche fürs Studium verwendet, Wege zum Copyshop schon eingerechnet. Dass vor Prüfungen die wöchentliche Stundenzahl steigt, konnte man erwarten. Interessant waren aber die Auswertungen, welche Studenten wieviel Zeit für die Nutzung von Medien fürs Studien verwenden. Selbst Studenten der Medienpädagogik nutzten in den meisten Monaten weniger als 30 Minuten Medien zum Studieren, nur in einem Monat sind das mal 41 Minuten am Tag. Bei Ingenieur-Informatikern sind das meist 7 und 13 Minuten, nur kurz vor den Prüfungen werden das auch mal 46 Minuten am Tag.

In der Diskussion schildert Schulmeister dann seine persönliche Erfahrung mit Studenten: Es gibt nur ganz wenige, die Medien im Studium nutzen wollen. Viele weigern sich, wenn sie sich dafür zusätzlich registrieren müssen. In der Diskussion bestätigen Teilnehmer, dass Studenten ihren Einsatz ausschließlich auf prüfungsrelevante Fächer konzentrieren, um dort möglichst aufwandsoptimiert die Prüfungen zu absolvieren.

So viel zu Vortrag und Diskussion heute. Mich macht das nachdenklich. In Universitäten angebotene Web 2.0-Lernwege treffen offenbar nicht die Erwartungen der Studenten. Ich vermute, das lässt sich ebenfalls auf die meisten Mitarbeiter in Unternehmen übertragen, wenn ihnen partizipative Lernmöglichkeiten im Netz angeboten werden. Andererseits gelten in der Nicht-Arbeitszeit / Nicht-Studierzeit offenbar andere Bedürfnisse. Wie könnte sonst Facebook und Co. eine so starke Verbreitung zeigen? Wie könnten sonst so viele Communities entstehen – von WebMontag über Twittwoch bis CreativMonday – die immer auch das Lernen von Anderen zum Ziel haben.

Ist vielleicht der Ansatz falsch, herkömmliche Lehr- und Lernvorstellungen jetzt auch im Netz umzusetzen? Seit Generationen haben alle Lernenden ihre Erfahrung von formalem Lernen immer wieder als von vorn gesteuert, und von vorn bewertet (benotet) erlebt. Die Machtverhältnisse sind klar. Klug ist, wer es schafft die Anforderungen mit geringstem Aufwand hinter sich zu bringen, denn Spaß macht das in der Regel ja nicht. Und wenn jetzt jemand kommt, der die aktive Beteiligung an Web-Diskussionen und Blogbeiträge fordert, wirkt das natürlich zunächst als Mehraufwand, den man möglichst vermeiden will.

Mir scheint, wir sollten mehr über Lernen und Lehren nachdenken, als über die Nutzung von Medien und Web-Tools. Was wäre anders, wenn wir mehr abrücken von der Lehre, vom Belehren, und dafür mehr individuelles Lernen zulassen / fördern? Aus meiner Sicht braucht Lernen zunächst immer eine Herausforderung, der man sich stellen will. Könnten wir „Lehrenden“ uns nicht auf das Stellen von geeigneten Herausforderungen konzentrieren, und den Weg dahin als interessierter Beobachter begleiten, der auf Anforderungen auch Tipps gibt? Würden dann Studierende / Teilnehmer betrieblicher Trainings nicht ganz automatisch die für sie bequemsten Info-Kanäle und Netzwerke (im Internet) suchen? Und kann es uns dann nicht auch egal sein, welche Wege jeder einzelne dabei geht, Hauptsache er kommt zum Ziel?

Mein Fazit: Nicht neue Medien in „das angeleitete Lernen“ integrieren, sondern Mut machen zum individuellen „selbstgesteuerten Lernen“. Auf die möglichen Quellen, Kanäle und Tools kann man ja als Lern-Coach gern ergänzend hinweisen.

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21 Antworten zu Social Media für Lehr- und Lernprozesse – die falsche Frage? Opco11

  1. Lore Reß schreibt:

    Aus eigener Erfahrung (in Unternehmen, nicht Studenten):
    – Facebook wird genutzt um mit Freunden zu kommunizieren, daraus irgendwelche Web2.0 -Affinität oder Medinekompetenz ableiten zu wollen ist schlicht falsch. Die in diesem Umfeld eingesetzten Social Media werden reduziert auf die Kommunikation mit „Freunden“.
    – ich kann nicht einfach die Teilnehmer vor ein neues Konzept setzen und erwarten, dass sie sofort selbstgesteuert Lernen können.
    – wie Sie sagen, sind wir Fontalunterricht gewöhnt, also muss ich die Teilnehmer erst heranführen.
    – weiterhin muss der Nutzen des neuen Lernens erkennbar sein
    – und – speziell in der beruflichen Weiterbildung – der Nutzen der eingesetzen Tools im Arbeitsalltag.
    Überspitztes Beispiel: Was nützt es wenn ich im Kurs die Mitarbeit in einem Wiki „verlange“, die Teilnehmer im Unternehmen keines einsetzen.
    Das bedeutet für mich (als Trainer in Unternehmen), dass ich ganz speziell die eingesetzten Methoden und Tools auf die Unternehmenssituation und die Unternehmensziele anpassen musss.

  2. khpape schreibt:

    Danke für den Kommentar, Lore Reß.
    Der Umstieg zu einem neuen Verständnis von Lernen ist extrem schwer, nicht nur wegen der jahrzehntelangen Gewöhnung an die Lehrer-Schüler-Rollenverteilung – auch in der betrieblichen Weiterbildung – sondern auch wegen der damit verbundenen Erwartung an den Trainings-Dienstleister „Nun mach mich mal schlau“. (Ob das jemals funktioniert hat, wage ich allerdings zu bezweifeln.)
    Andererseits finden die allermeisten Lernvorgänge am Arbeitsplatz und nicht im Training statt. Damit scheint mir die Selbstlern-Kompetenz derer bewiesen, die wir im Training immer beim Lernen anleiten wollen. Ich plädiere ja nur dafür, dies in einer neuen Form von „Training“ auch zu nutzen. Ein wesentlicher Schlüssel dafür scheint mir die Gestaltung der für die einzelne Person geeigneten Herausforderung zu sein. Damit wäre Training sehr nah an der Aufgabe von Führungskräften, die ihre Mitarbeiter entwickeln wollen: Die gestalten passende Herausforderungen in der Arbeitsaufgabe, an denen der Mitarbeiter wachsen kann.

    • Lore reß schreibt:

      Ja, ein Training muss arbeitsplatz- und arbeitsprozessnah konzipiert sein. Leider wird dies in vielen Unternehmen noch nicht erkannt, auch die Bedeutung des informellen Lernens ist in Unternehmen noch entwicklungsbedürftig. Womit wir dann auf dem Weg zu Enterprise 2.0 sind🙂

      • H.-G. Renkewitz schreibt:

        Das lässt mich zu der Frage kommen, was wir dann unter informellem Lernen im Unternehmen verstehen wollen. Wenn Kollegen sich gegeneseitig unterstützen und austauschen um ein Problem zu lösen, dann ist das meines Erachtens nach auch informelles Lernen. Enterprise 2.0 ist da schon wieder eine ganz andere Kategorie.

        • Lore Reß schreibt:

          Ja sicher, das ist auch informelles Lernen. Wird es unterstützt? gefördert? oder nur ausgenutzt? oder evtl. sogar „bestraft“?

  3. turbotini schreibt:

    Nur eine kurze Anmerkung:
    (Zitat)
    „Interessant waren aber die Auswertungen, welche Studenten wieviel Zeit für die Nutzung von Medien fürs Studium verwenden.“

    Was wir hier nicht vergessen dürfen: Bücher sind auch Medien! Und daher glaube ich Lernen ohne Medien ist heutzutage nur noch sehr selten überhaupt der Fall. Natürlich meinte Schulmeister nicht „die Medien“, sondern eigentlich „das Internet“. Und auch das ist nicht mit Web 2.0 gleichzusetzen.
    Und daraus wird auch schon meine dezente Kritik an alldem deutlich: Erstmal darf man nicht alle „Medien“ über einen Kamm scheren, und dann ist der status quo zwar interessant, aber schöner wäre doch die Entwicklung zu kennen. Wie war es vor 5 Jahren? Wie vor 10? Und daraus lässt sich auch ableiten wie es in 5-10 Jahren sein wird. Ich vermute, die angesprochenen Vorbehalte sind dann ad acta. Aber ist bloß ein Verdacht….

    • khpape schreibt:

      Danke für den Kommentar. Gute Ergänzung: Bücher sind auch Medien! Und wir haben uns ja bisher auch nicht über Bücher unterhalten, wenn wir Lernen gestaltet haben. Der Fokus auf die Medien führt uns aus meiner Sicht in die falsche Richtung.

  4. Volkmar Langer schreibt:

    Vielen Dank für Ihren schönen Beitrag. Die opco11-Initiatoren wird´s freuen, denn wenn diese Form des Lernens uns nachdenklich macht, dann ist sicher das wichtigste Ziel erreicht. Insgesamt wünsche ich mir auch mehr Beiträge zum Um- und Weiterdenken von neuen Lehr-/Lernszenarien, die die heutigen und zukünftigen Möglichkeiten besser nutzen. Dabei brauchen wir mehr informelles Lernen und damit verbunden intrinsische Motivation. Z.B. in unseren dualen Studiengängen findet diese Mischung im Idealfall allein schon durch den Wechsel der Lernorte (Hochschule, Unternehmen) statt. Leider verlangt das System (Akkreditierung von Studiengängen) eine gewisse Anzahl von Prüfungen (je Modul) und was noch viel ungeschickter ist, eine gewisse Anzahl von Präsenzstunden (ja, wirklich unglaublich aber wahr!). Beides ist kontraproduktiv dazu, mehr individuelles Lernen und insbesondere mehr Selbstlernkompetenz zu fördern. Ich denke, dies ist auch ein Ansatzpunkt, den Schulmeister zu Recht beklagt, ohne dass er dies vielleicht auf diese Weise ausdrückt.

    • khpape schreibt:

      Das klingt, als hätten wir eine ähnliche Vision von besseren künftigen Lern-Anregungen und Lern-Unterstützungen! Für mich ist Lernen immer intrinsisch motiviert. Dann konzentriert man sich auch nicht mehr aufs Lernen, sondern auf die Bewältigung der interessanten Herausforderung. Dann verliert Lernen seinen Schrecken, weil es ganz unbemerkt passiert. So ist es ja auch bei der Entwicklung von Mitarbeiter-Kompetenzen, die am Arbeitsplatz entstehen: Niemand würde da sagen er hat dabei gelernt.

  5. Andrea Brücken schreibt:

    Lieber Karlheinz,
    ich versuche gerade, mich an meine Studienzeiten zu erinnern und mir die Frage zu stellen, wie ich auf die Anfrage reagiert hätte, Plattformen im Web 2.0 zu nutzen…
    Als zusätzliche Lernmethodik für das Studium? Nein. Vielleicht im Rahmen eines Seminares zum Thema – dann hätte es zu den Aufgaben des Kulturwissenschafts-Studium gehört, sich mit dem Web 2.0 als Kulturphänomen zu beschäftigen.
    Heute, Jahre nach dem Studium ist die Ausgangslage anders. Lernen und Bildung sind mein Berufs- und Lebensthema geworden, die Neugier ungebrochen, die Begeisterung für soziales Miteinander und offenen Diskussionen motiviert mich. Ganz eigennützige Gründe also!😉

    Andrea Brücken

    • Volkmar Langer schreibt:

      Sehr schön! In dieser Beschreibung spiegelt sich der Wandel von einer extrinsisch Suchenden zu einer intrinsisch Motivierten wider. Diese Entwicklung wünschen wir uns alle!🙂

  6. Daniel Spielmann schreibt:

    Wenn Lernen tatsächlich mal intrinsisch motiviert ist, kann der Lernbegleiter sich auch mit den Inhalten befassen, statt den Motivator zu geben. Knorr (2007, „Neueste Technologien in der Didaktik der Deutschen Sprache: Der Einsatz von WIKIs im Fremdsprachenunterricht“) stellte fest, dass es durch Technologien wie Wikis leichter sei, mit den Studierenden in eine (inhaltliche) Diskussion einzutreten.
    Hingegen sehe ich gerade bei einer Weiterbildung, wie hinderlich es für eine Lerngruppe sein kann, wenn da Leute dabei sind, die die Fortbildung nur machen, weil der Chef das so will. Und die Trainer strampeln sich ab, um Motivation zu erzeugen, wo kein Interesse ist. Toll.
    Nicht zum ersten Mal wünsche ich mir, ich wäre in einer Weiterbildungsgruppe gelandet, wo wirklich alle intrinsisch motiviert sind.
    Und da lob ich mir den #opco11: Wer keine Lust hat, ist nicht da und wer da ist, hat Lust.

    • Volkmar Langer schreibt:

      Ja, so ist in der Realität der Aus- und Weiterbildung: längst nicht jeder/jede ist intrinsisch motiviert, aber auch das ist eine Herausforderung, der sich ein guter Lehrer/Trainer stellen muss, wenn er/sie denn intrinsisch motiviert ist😉.

  7. Martin Kurz schreibt:

    Lieber Karl-Heinz,
    vielen Dank für den guten Artikel. Ich stimme dir auch voll und ganz zu. Im schulischen Kontext bedeutet dein Fazit, das ich teile, die Unterrichtsorganisation grundsätzlich zu ändern, mit Blick auf selbstgesteuertes und individuelleres Lernen. Nach meiner Erfahrung kann man dann – fast wie nebenbei – neue Medien dabei mitbenutzen oder auch nicht. Heranwachsende nehmen die „neuen Medien“ recht selbstverständlich, warum dann nicht die Lehrenden auch.

    • khpape schreibt:

      Hallo Marin,

      Danke für den schönen Kommentar. Ja, das meine ich: Wenn wir beginnen das Lernen als eine von jedem Menschen automatisch beherrschte Fähigkeit zu sehen, so wie das Atmen oder das Verdauen, brauchen wir das auch nicht mehr zu gestalten. Dann geht es nur noch um die Rahmenbedingungen, die Lernen anregen und erleichtern. Und da die Menschen sehr unterschiedlich sind, muss der Rahmen viele unterschiedliche Wege zulassen. Wir „Lern-Begleiter“ könnten uns freudig überraschen lassen von jedem neuen „Entdecker-Weg“. Da werden einige Social Media nutzen, und andere Bücher lesen. Das wär doch gut so.

  8. Pingback: OpenCourse 2011: Die sechste Woche | OpenCourse 2011

  9. Melanie schreibt:

    Dieses Fazit mag ich gerne unterstützen. Manchmal habe ich das Gefühl, der Drang nach dem Lernen ist bei viel zu vielen verloren gegangen. Es wird gemacht, weil man weiß, dass man es muss. Da ist nichts mehr von der Neugierde. Und ich kann es noch nicht mal verübeln. Wenn von „klein auf“ eingetrichtert wird, dass „man sich beeilen muss und das Beste geben, um mithalten zu können“ dann wird jeder halbwegs Vernünftige sich eine Möglichkeit suchen, dies mit möglichst wenig Anstrengung zu erreichen. Und bloß nicht mehr Zeit investieren als nötig.

    • khpape schreibt:

      Danke für den Kommentar. Das der Drang nach Lernen bei vielen verloren gegangen zu sein scheint, sehe ich auch so bei allen von außen gestalteten und von außen überprüften Lern-Settings. Im normalen Leben sehe ich eher die steigende Lust am Entdecken, am Kennenlernen von Neuem. Gerade vorgestern haben wir uns beim Wissensmanagement-Stammtisch über die rasant steigende Zahl Communities mit regelmäßigen Treffen hier in Nürnberg unterhalten, vom Webmontag bis zur Pecha Kucha Night (http://www.gfwm.de/node/1099 ). Da kommen immer mehr Menschen zusammen, die voneinander lernen wollen: Die 150 bis 200 freien Plätze beim Webmontag sind innerhalb einer Nacht ausgebucht. Die gestalten ihre persönlichen Lern-Netzwerke und Lernziele völlig selbstgesteuert. Sie reden dabei nur nicht von Lernen, dann würde es ihnen vermutlich auch keinen Spaß mehr machen.

      • Melanie schreibt:

        Vielen Dank für diese ermutigende Antwort. Über diese Motivation Lesen finde ich schön🙂. Was mich dazu interessiert: Ist diese Tendenz unabhängig vom Alter oder handelt sich dabei eher um Menschen im Alter 30+?

        • khpape schreibt:

          Das ist ja das Schöne: Da sind fast alle Altersgruppen vertreten, nur Kinder und Schüler sind nicht dabei. Ich bin ganz bewußt zu einigen dieser Community-Treffen mal hingegangen. Eine faszinierend offene Atmosphäre herrscht da. Und es gibt immer ein paar ganz aktive „Vernetzer“, die Menschen mit gleichen Fachthemen zusammenbringen. Das ist auch die Motivation der ehrenamtlichen Veranstalter. Wir haben in Nürnberg inzwischen etwa 20 solcher regelmäßigen Community-Events. Tendenz steigend. Und eigentlich machen die nur real, was im Web 2.0 virtuell passiert. Ich find das sehr vorbildich und habe große Achtung vor den Akteuren!

  10. Pingback: Zeit für neue Methoden?? | OpenCourse 2011

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