Oberstufen-Lehrer-Tag erstmals als BarCamp

150 Oberstufen-Lehrer, alle aus hessischen Waldorf-Schulen, kamen am 2.9.2011 zum zweiten OberstufenLehrerTag nach Dietzenbach. Die Landesarbeitsgemeinschaft der Freien Waldorfschulen in Hessen hatte den Mut, diesen Tag diesmal als BarCamp zu gestalten. Irgendwie passt das Format BarCamp ja auch gut zum gewählten Haupt-Thema „Virtuelle Welten – Wo leben unsere Oberstufenschüler heute?“

Ich hatte den Auftrag, die Teilnehmer einzustimmen und das BarCamp zu moderieren. Der Tag begann noch klassisch mit einem Vortrag von Uwe Buermann zum Thema „Virtuelle Welten“. Diese kompakte Aufzählung aller möglichen Risiken des Internets, lies ahnen, dass es vermutlich noch viel mehr Chancen in der Anwendung des Internets gibt – auch in der Schule.

Dann der „Switch“ nach der ersten Stunde, die Unkonferenz beginnt. Sehr skeptisch blicken 150 Augenpaare im schönen Saal der Dietzenbacher Schule auf die Bühne. Wo der Name BarCamp überhaupt herkommt will man wissen, und ob es nicht auch einen deutschen Begriff dafür gibt. Dann die BarCamp-übliche Vorstellungsrunde: Jeder soll Namen und 2 Tags nennen. Einigen fiel partout kein Stichwort ein – auch gut – einige andere formulierten Erwartungen an den Tag. Die Wünsche und die genannten Stichworte machten dann sehr schön die große Bandbreite von Interessen und Kompetenzen im Raum sichtbar. Von „Was kann ich tun, um die virtuelle Kommunikation des Kollegiums einzuschränken“ bis „Mehr Internet-Einsatz im Unterricht“ wurden viele unterschiedliche Positionen der anwesenden Lehrerinnen und Lehrer deutlich.

Dann der spannende Moment: Kommt überhaupt jemand auf die Bühne zur Session-Planung? Etwas zögerlich kommen die ersten, weitere stehen auf. Aufatmen – am Ende stehen 23 Sessions für die 4 geplanten Zeit-Slots auf der Agenda. Darunter auch Sessions von Schülern, die ihre Lehrer zu einer LAN-Party einluden. Das kann sich sehen lassen, und erst recht für ein erstes BarCamp! Die Teilnehmer hatten also im Durschnitt zu jeder Zeit  etwa 6 Wahlmöglichkeiten.

Aus meiner Beobachtung lebten einige Sessions gerade von den sehr unterschiedlichen Meinungen. Ich habe Sessions erlebt, bei denen sich daraus sehr konstruktive Auseinandersetzungen ergeben haben. Hochachtung! Einen so wertschätzenden und offenen Umgang mit so konträren Meinungen hatte ich nicht erwartet. Die Stimmung war entsprechend. Die Schulsekretärin, die selbst nicht teilnahm, sagte in der Pause „Es muss ganz gut laufen, alle haben so fröhliche Gesichter.“ „Ich habe mich noch nie so als Teilnehmerin ernst genommen gefühlt. Kein vorgegebener Ablauf den man höflich absitzen muss, sondern sogar die Aufforderung, auch während einer Session bei Bedarf zu wechseln“ sagte einen Lehrerin zum Abschluss. „Unbedingt so weiter machen“ war die fast einhellige Meinung beim Abschlussgespräch. Und „ob man denn beim nächsten Mal nicht mehr Externe mit einladen könne“, auch „Schüler sollten mit dabei sein“ lauteten weitere Anregungen am Ende. Einige können sich das sogar in einem ganz offenen Format vorstellen. (Aber dafür gibt es ja schon die EduCamps http://educamp.mixxt.de/ zu dem einige auch nach Bielefeld am 19./20. Nov. 2011 kommen wollen.)

Das Experiment scheint geglückt: Auch als Lehrer-Konferenzformat eignen sich BarCamps. Nach meinem persönlichen Eindruck hat das BarCamp bei vielen Lehrerinnen und Lehrern ein sicher über das Camp hinaus anhaltendes Nachdenken ausgelöst. Und das ist ja fürs eigene Lernen die beste Grundlage. Nun wäre es ja interessant zu wissen, ob dieser Konferenz-Erfolg nur bei Oberstufen Lehrern aus Waldorf-Schulen, oder auch mit Lehrerinnen und Lehrern anderer Schulen wiederholbar ist

Web 2.0-Kommunikation als Vorbild?

Wertschätzende Kommunikation auf gleicher Augenhöhe – ist die Erfolgsbasis für BarCamps. Eigentlich wird uns das im Internet ganz gut vorgemacht: Foren und Blogs mit Kommentaren, auch Tweets, mit einer langen Timeline, haben ja nur dann Bestand, wenn (fast) alle Beitragenden sich an die „Netikette“ halten. Jeder der sich im Netz äußert, macht sich die Mühe ja nur, wenn er dafür durch respekt- und achtungsvolle Dialog-Reaktionen belohnt wird. Wer öfter unangenehme und unangemessene Kommentare erlebt, wird sein freiwilliges Engagement ja umgehend einstellen. Die meist deutliche und korrigierende Reaktion der Community auf solche „Troll“-Beiträge, weist darauf hin, dass das den aktiven Nutzern sehr wohl bewusst ist. Möglicherweise können wir für unser Miteinander-Umgehen in der realen Welt bereits aus der virtuellen Welt lernen? So abwegig scheint mir der Gedanke jedenfalls nicht.

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5 Antworten zu Oberstufen-Lehrer-Tag erstmals als BarCamp

  1. Pingback: Virtuelle Welten – 150 Oberstufen-Lehrer veranstalten Barcamp | SicherDeinWeb

  2. Ralf Appelt schreibt:

    Lieber Karl-Heinz,
    Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg. Eine Gruppe von Barcamp Neulingen so zu begleiten, dass sich kaltes Wasser wohlig warm anfühlt, einen offenen Austausch statt zittern und frieren zu produzieren erfordert sicher unheimlich gute Vorbereitung und extrem viel Fingerspitzengefühl und Sorgfalt. Ich bin beeindruckt, auch wenn die Veranstaltung natürlich stark von den Teilnehmern abhängt.

    • khpape schreibt:

      Hallo Ralf,
      Danke für Deinen netten Kommentar. Ja, ich freue mich auch, dass hier Lehrerinnen und Lehrer den Mut hatten, von ihren eigenen Kompetenzen untereinander zu profitieren. Das kann sicher auch noch ein wenig ausgebaut werden. Jedenfalls gibt es da ganz viel Kompetenz, wie hier sichtbar wurde.

  3. Ronald Hindmarsh schreibt:

    Toll! Ich glaube, dass über solche Selbsterfahrungen von Lehrern das Lernen in Schulen wesentlich effizienter und nachhaltiger verändert werden kann als mit und Geld und guten Worten bzw. Plädoyers.
    Ich würde das zu gerne nachmachen! Magst Du mehr über Deine Eindrücke und Erfahrungen in Form einer Session auf dem EduCamp in Bielefeld anbieten?

    • khpape schreibt:

      Wenn alles gut geht, dann kommen vielleicht ein oder zwei Lehrer, die dieses BarCamp erlebt haben. Wär schön, wenn wir die zu einer Session überreden könnten. Werd mich auch bemühen.

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