Inverted Classroom / Flipped Classroom – #icm2012

Wirklich überzeugend und anregend war die ICM-Konferenz gestern an der Uni Marburg. Mut machende Praxisbeispiele für ein ungewöhnliches Lehr- oder besser Lern-Modell wurden vorgestellt. Inverted oder auch Flipped Classroom bezeichnet die Umkehrung von Schul- und Hausaufgaben: Statt bisher die Vermittlung des Stoffes im Schul-Unterricht vormittags und die Hausaufgaben für den Nachmittag allein zu Hause vorzusehen, erfolgt die Stoff-Vermittlung vorher zu Hause und die Übungen werden gemeinsam in der Schule erledigt. Ebenso erfolgreich funktioniert das mit “Flipped” Vorlesungen.

2 vernünftige Gründe dafür sind auf den ersten Blick zu erkennen:

  • Den Rat der Gruppe oder des Experten braucht man wohl eher bei den Übungen als beim Zuhören
  • Und eine z.B. als Video aufbereitete Vorlesung kann man anhalten, und ggf. noch einmal ansehen. In der normalen Vorlesung geht es einfach weiter, auch wenn man den Faden verloren hat.

Allein dadurch steigt ganz offensichtlich die Wahrscheinlichkeit besserer Lernergebnisse beim “Inverted-Vorgehen”. Evaluationen beweisen auch immer wieder die deutlich besseren Ergebnisse. Christian Spannagel, Mathematik-Professor in Heidelberg hat in seinem Vortrag auch gleich die Befragungsergebnisse seiner Studenten vorgestellt.

Wem gehört eigentlich das Lernen? Wer steuert eigentlich Lernen? Damit machte Dan Spencer in seinem Vortrag deutlich, dass es beim Inverted Classroom auch um Flipped Mastery geht, und dass bei diesem Konzept die Verantwortung für das eigene Lernen ganz deutlich zum Lerner übergehen muss. Nicht mehr der Lehrende bestimmt, auf welchen Wegen sich Lerner ein Thema erarbeiten. Und ob Lerner das selbsterstellte Video des Lehrenden verwenden – oder sich ganz anderer Quellen bedienen – ist auch nicht sicher. Mutige Lehrende geben sogar bewusst empfehlenswerte andere Quellen zur Stoff-Aneignung an, schließlich gibt es ja meist immer auch sehr gute Kollegen.

Nach der individuellen theoretischen Stoff-Erschließung müssen die Aufgaben für die Übungsphase gut überlegt sein. Eine lösbare Herausforderung für die ganze Gruppe ist notwendig. Christian Spannagel setzt sich dabei bewusst hinter die letzte Reihe, um den gemeinsamen Lernprozess beim Lösen der Aufgaben möglichst wenig zu stören. Nur wenn es sein muss, greift er ganz selten ein.

Flipped Classroom auch im Sportunterricht?

Jutta Hannig, ebenfalls aus Heidelberg, hat das mit Lehramtsstudenten in der Praktikumsvorbereitung – und diese dann im Sport-Unterricht an der Schule umgesetzt. Ein ebenso begeisternder Erfolg. Im Sportunterricht geht es um das Beherrschen von Bewegungsabläufen. Schülern wurden Youtube-Videos gezeigt, auf denen bestimmte Übungen zu sehen waren. Sie konnten sich in Zweiergruppen aussuchen, was sie gern gemeinsam lernen wollten. Sie trainierten dann bis zum Beherrschen auch schwierigster Figuren – ohne Anleitung eines Lehrenden! Die anfängliche Skepsis verflog bei den Schülern offenbar sehr schnell. Am Ende filmten sie ihre athletischen Kunststücke dann selber stolz. Einige dieser Videos stehen jetzt als Anreiz für die nächsten in Youtube.

Wenn also das Flipped Classroom Prinzip in Schule und Hochschule so erfolgreich ist – in den USA gibt es im Flipped Classroom Network 5000 Lehrer – warum wenden wir es dann nicht auch im Corporate Learning viel mehr an? Alte Gewohnheiten bei Teilnehmern, wie bei Trainern steuern wohl andere Erwartungen. Flipped Classroom bedeutet aktivere Teilnehmer und eine neue eher coachende Trainerrolle. Wer aber die Erfahrung damit schon mal gemacht hat, für den gilt der Schluss-Satz von Christian Spannnagel: There is no way back!

Hier die Seite mit allen Aufzeichnungen der ICM 2012 Konferenz.

Ergänzung (27.02.2012):
Prof. Eric Mazur lehrt Physik an der Harvard University ebenfalls nach dem Flipped Classroom-Konzept. In einem kurzen Video (2:21) gibt er ein paar sehr interessante Hinweise: “Die Idee ist Lehren über Fragen – mehr als über Erklären”.  Die Auseinandersetzung der Studierenden mit dem Thema ist der zentrale Punkt. Das sollen gute Fragen und Aufgaben auslösen. Und die Konversation der Studierenden untereinander läßt das Verstehen wachsen. Prof. Mazur: “You can forget facts – but you can not forget understanding”.

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