Folterkammer für Lerner?

Gestern durfte ich zu einem Workshop zur Neuausrichtung einer großen Akademie beitragen. Es ging unter anderem um die Dienstleistungen, die so eine Lehr-Institution bisher ihren erwachsenen Lernern anbietet, und welche das in Zukunft sein sollen.

Hier eine unvollständige Liste von Dienstleistungen für Teilnehmende, die in Lehr- und Lern-Settings heute üblich sind:

  • Vordefinierte Lernziele für diese Maßnahme
  • Zielgenau abgestimmt auf den typischen Lerner dieser Zielgruppe
  • Vorbereitungsmaterial zum Durcharbeiten vor dem Seminar
  • Aufforderung eigene Fälle zur Bearbeitung im Seminar mitzubringen
  • vorgeplanter inhaltlicher Aufbau
  • vorgeplanter zeitlicher Ablauf
  • aufeinander aufbauende Module
  • klar didaktisch gestalteter Lernweg
  • Eingangstests
  • Zwischentests
  • Abschlusstests
  • Leicht verständliche Kurs-Dokumentation, auch zum Nachschlagen nach dem Seminar
  • Umfangreiche Kursdokumentation wird als Ordner im Seminar ausgehändigt
  • Regelmäßig eingebaute didaktisch gestaltete Übungen
  • Gemeinsames Arbeiten in Kleingruppen
  • Präsentation der Gruppenergebnisse im Plenum
  • ….

Erfahrene Seminarteilnehmer können diese Liste bestimmt mit weiteren „Dienst-Leistungen“ ihres jeweiligen Seminaranbieters ergänzen.

Ich weiß nicht, wie es Ihnen da als Lerner in solch üblichen Seminaren geht. Ich jedenfalls empfinde viele dieser gut gemeinten „Dienstleistungen“ fast immer als Übel, durch das ich wohl durch muss. Und die Gesamtheit dieser „Dienstleistungen“ wirkt auf mich eher wie die Ausstattung der Folterkammer für Lerner.

„Ich wollte doch nur eine Antwort für meine Fragen. Das war der Grund, weshalb ich dieses Seminar buchte. Und statt einer einfachen Antwort kommt ein riesiges Beschäftigungspaket, fein granular durchstrukturiert, alles ist vorgeplant und muss nur noch nach Vorgabe abgearbeitet werden. Es gibt nur diesen einen Weg, egal wie ich das finde. Freiraum für eigene Wege gibt es nicht, der ist im Ablaufplan des Trainers nicht vorgesehen. Ich merke, wie sehr ich mich zwingen muss, da mitzumachen. Glücklicherweise ist aber auch das Ende des Seminars minutiös geplant. Das ist meine einzige Hoffnung.“

So oder ähnlich könnten sicher viele Lernende von ihren Seminar-Erfahrungen berichten. Wir machen was falsch, wenn wir so mit Erwachsenen – mit meist gestandenen Experten in ihrem jeweiligen Job –  umgehen. Schon die Vorstellung, wir wüssten wie man sich einen Stoff richtig erarbeitet, halte ich für eine Anmaßung. Aber wir planen Lehrsituationen genau so. Wir können nur von Glück reden, wenn sich unsere Teilnehmer fügen und nicht protestierend den Raum verlassen. Aber leider haben wir damit den Begriff „Lernen“ von eigentlich freudigem Erleben mit etwas anstrengendem, unangenehm fremdgesteuerten verbunden, das man möglichst meidet.

Lernen geht anders. Aus meiner Sicht ist Lernen immer ein individueller und ein selbstgesteuerter Prozess. Lasst uns Dienstleistungen finden, die selbstgesteuertes Lernen unterstützen. Dazu später mehr.

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10 Antworten zu Folterkammer für Lerner?

  1. Paul Kral schreibt:

    Ich kann dem kritischen Ansatz schon Einiges abgewinnen. Auch Dienstleistungen, die selbstgesteuertes Lernen ermöglichen, werden angeboten, ausgeschrieben und stehen daher im Wettbewerb um potenzielle Auftraggeber – Personalabteilungen. Sehe ich die Liste oben an, weiß ich nicht so recht, was bei Dienstleistungen, die selbstgesteuertes Lernen unterstützen sollen, weggelassen werden kann: Zielgruppe? Materialen? Lernwege? Test – ja wahrscheinlich, da die Bewährung am Arbeitsplatz erfolgt. Und zum Schluss: Ich habe schon viele Seminare durchgestylt, doch die Teilnehmer/innen waren nie VORAUSplanbar und das ist gut so. Ein Seminar wird von den Teilnehmer/innen und den Trainer/innen GEMEINSAM gestaltet. Sie sind PROSUMER, das macht den Unterschied zu einer Instruktion.

    • khpape schreibt:

      Danke für den schnellen Kommentar!
      Obwohl der Artikel oben natürlich ein wenig überzeichnet, möchte ich die Frage schon stellen, ob wir Lernende bei ihrem sehr persönlichen Weg des Sich-etwas-Erarbeitens wirklich optimal unterstützen, wenn wir den individuellen Lernprozess von außen versuchen zu gestalten, und das auch noch gleichartig für alle – und ohne das wir wirklich wissen, welche Vorkenntnisse und welche eigenen Ziele jeder einzelne Lernende hat. Zur Unterstützung für optimales individuelles Lernen müssen uns andere Dienstleistungen einfallen als bisher.

  2. mons7 schreibt:

    Lieber Karlheinz,
    bin gespannt auf Deine Vorschläge zu neue und andere Dienstleistungen! Und hoffe, Du spannst uns mit Deinem „Dazu später mehr“ nicht allzu lange auf die Folter!
    Herzlich
    m

  3. Hallo Karlheinz, du sprichst mir aus der Seele mit deinem durchaus nicht überzeichneten Szenario. Dummerweise wird dieses minituös geplante Szenario immer wieder verlangt und gilt als Qualitätsmerkmal einer guten Fortbildung. Ich habe mich dem früher immer gebeugt und das auch brav ausgearbeitet, um dann immer wieder festzustellen, dass in der Tat die Zielgruppe garnicht perfekt planbar ist. Mit der Zeit gewinnt man dann zum Glück soviel Souveränität, dass man nur Eckpunkte setzt und mit den Teilnehmern zusammen das Szenario sich entwickelnläasst, wenn die Bedürfnisse klar sind. Allerdings gibt es auch immer Teilnehmer, die genau solche durchgeplanten Szenarien erwarten, denn sie haben schliesslich eine Dienstleistung gebucht😉 …. Man muss das eigentlcih immer im Vorfeld abklären, wieviel “Folterkammer” ( guter Vergleich) und wieviel “Spielwiese” – ich nenn das immer Sandbox …. nötig bzw. möglcih ist…. oft eine Gratwanderung… aber: lieber weniger und dann die Teilnehmer um die Ecke kommen lassen ….

    • khpape schreibt:

      Hallo Sigi, Danke für Deinen zustimmenden Kommentar. Das ist ja das Problem: Wir lehren schon so lange in diesem wohl nie richtig passenden Setting, dass Auftraggeber, wie manchmal auch Teilnehmer, das nicht hinterfragen und es wie gewohnt erwarten. Also, wir sollten etwas Besseres dagegen setzen.

  4. Pingback: Folterkammer für Lerner? | Zukunft des Lernens | Scoop.it

  5. Ralf Hilgenstock schreibt:

    Ja, und das alles lässt sich tatsächlich noch weiterführen:
    – Happy-sheet Fragebögen am Ende, statt Transferprozesse
    – Lernzeitverkürzung. Erinnert sich noch jemand an 5-Tage-Seminare? Mittlerweile wird gefragt, ob es wirklich ein ganzer Tag Schulung sein muß. Bei eLearning gibt es die Mär, es handele sich um eine Lernzeitverkürzung: statt 1 Tag Schulung, 30 Minuten WBT.
    – und eine besonders schöner Fehlschluß ist im sog. Skillmanagement verankert. Wer am Seminar x teilgenommen hat, hat dadurch sein Skills für A2, A16, C4, F5 und L2 um 2 Punkte erhöht und das lässt sich wunderbar in konzernweiten Reports abbilden. Für die informellen Zuwächse werden wir demnächst Badges erwerben und uns damit dekorieren.
    Übersehen wurde dann wohl noch die enorm ausgeweitete Zahl der Pflichtschulungen in QM, Sicherheit, Compliance, Hygiene,… deren Mehrzahl zur Erfüllung von Berichtspflichten und nicht zur Entwicklung oder Verbesserung abgewickelt werden.
    Eigentlich handelt es sich dabei um gute Gründe, sich formeller Weiterbildung zu verweigern.

    Andererseits. Der strukturiert aufbereitete Lerninhalt ist doch nicht falsch. Ist es nicht gerade das typische vieler (nicht aller) Lernsituationen, dass die Lerner die Dienstleistung Lernen nutzen wollen, um sich gebündelt mit Lerninhalten und praxisrelevantem Erfahrungswissen zu versorgen, dessen Selbsterarbeitung und Selektion wesentlich mehr Zeit erfordern würde als eine Seminarteilnahme.

    • khpape schreibt:

      Danke für Deinen Kommentar und die Ergänzungen, Ralf. Gegen aufbereiteten Lern-Content habe ich ja nichts einzuwenden, nur muss der nicht unter Anleitung einer Lehr-Person in ganz bestimmter Art und Weise bearbeitet werden – unter Aufsicht quasi. Ich habe den Eindruck, dass viele unserer Weiterbildungsteilnehmer im eigenen Job mehr Gestaltungsfreiheit haben, als wir ihnen in Seminaren für das eigene Lernen zugestehen.

  6. damianduchamps schreibt:

    Das erinnert mich sehr an Lehrerfortbildungen. Als Teilnehmender fühlt man sich oft wie in einem Zug, der gemütlich vor sich hinbummelt zu einem Ziel, das man nicht wirklich erreichen möchte, weil man schon einmal dort war. Aussteigen kann man unterwegs auch nicht und die Strecke abändern ist ebenfalls nicht drin. Gute Fortbildner sind in der Lage, auf ihre Teilnehmer zu reagieren und den kompletten Ablaufplan wie auch die Ziele über Bord zu werfen, wenn es sein muss. Leider kleben viele aber nur starr an ihren vorgeplanten Strukturen und Zielen.

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