Lernen 2.0 – Jeder ist mal Lehrender und mal Lernender

Das war der Titel meines Vortrages bei der MFG in der letzten Woche (Folien hier). Lernen ist schon so ein schillernder Begriff mit vielen Deutungen, wie soll dann erst Lernen 2.0 verstanden werden. Die immer erfreulich kurze Schnell-Definition bei Wikipedia – meist ein Satz ganz am Anfang – erläutert Lernen mit 142 Worten in 5 Sätzen. Der englische Begriff Learning benötigt sogar 317 Worte! Und wenn man sich Lerntheorien anschaut, dann gibt es beinahe unübersehbar viele. Das heißt, eigentlich wissen wir nicht so genau, was Lernen ist. Je nach Disziplin definieren wir Lernen anders.

Ich wage mal folgende Aussage:

  • Lernen ist der Prozess, der zu einer neuen oder erweiterten Kompetenz führt
  • Lernen ist ein Prozess, den Menschen von allein und ohne Anleitung beherrschen
  • Lernen scheint eine angeborene Fähigkeit von uns Menschen zu sein, wie das Atmen oder das Verdauen.

Vielleicht sollten wir beim Lernen auch nicht versuchen, von außen zu gestalten – so wie wir ja auch das Atmen nicht anleiten. Das meiste Lernen findet ohnehin von ganz allein statt, das sehen wir bei Kleinkindern. Und auch bei Erwachsenen ist das informelle Lernen die weitaus überwiegende Lernform. Alle Menschen, besonders auch die Mitarbeiter in Unternehmen, sind also wahre Meister im Sich-etwas-selbst-Erarbeiten. In klassischen Lehrsettings nehmen wir die gleichen Menschen aber oft an die Hand, weil wir glauben, allein können die das nicht. Im Web 2.0 sind inzwischen viele ganz andere Kommunikations- und Lern-Formen entstanden, die auf Prinzipien beruhen, die wir uns bisher kaum als funktionsfähige Grundlage vorstellen konnten. Selbstorganisation ist eines der ganz starken Prinzipien im Web 2.0. Wertschätzender Umgang auf gleicher Augenhöhe ein weiteres, wie auch die Offenheit zum Mitmachen für jeden.

Die „2.0 Prinzipien“ kann man auch als Lern-Prinzipien verstehen, dann sprechen wir von Lernen 2.0. Woran man den Unterschied erkennt:

Unsere klassisch organisierten Lernformen sind

  • Arbeitsteilig: Einer ist Lehrender, die anderen sind Lernende
  • Geführt und gestaltet: Lehrende gestalten den Lernprozess, führen die Lernenden
  • Geplant und umfassend: Systematisch aufgebaut, möglichst umfassend erklärt
  • Immer von Lehrenden aus der Dozenten-Perspektive erdacht
  • Für Zielgruppen, mit typischen Lernern, nicht für Individuen
  • Wirtschaftlich optimiert bei der Dienstleistungs-Produktion, weniger Lern-optimiert für den Einzelnen

Das Web macht ganz andere Lernformen deutlich:

  • Menschen, die sich nicht kennen, tauschen sich in Foren aus
  • Menschen schreiben öffentlich in Blogs, andere kommentieren
  • Menschen schreiben Microblogs (Twitter), andere Re-Tweeten und antworten
  • Menschen schreiben gemeinsam in Wikis, Größter Erfolg: Wikipedia
  • Menschen zeigen ihr Wissen in Videos, z.B. auf Youtube
  • Menschen diskutieren Themen in Facebook und Google+

Und das alles ohne Führung, ohne gestaltende Anleitung, ohne didaktischen Plan! Alle Web 2.0 Aktivitäten sind gekennzeichnet durch Aktivität von Einzelnen. Einige schreiben, einige kommentieren, viele lesen mit. Dabei haben sich einige Grundregeln, insbesondere in den Fach-Diskussionen im Web herausgebildet:

  • Gleiche Augenhöhe: Alle Beiträge werden akzeptiert, egal von wem
  • Neue Mitglieder sind willkommen
  • Ansehens-Hierarchie entsteht nur durch gute Beiträge
  • Ungewöhnliche Idee und Sichtweisen sind willkommen
  • Jeder darf jederzeit entscheiden, ob er beitragen, kommentieren oder lesen will
  • Jeder darf eine neues Thema eröffnen
  • Lob für gute Beiträge ist üblich (deutlich mehr als im realen Leben)
  • Kritik muss sachlich sein, sonst reagiert die Community korrigierend

Nirgends ist eine planende oder ordnende Funktion zu erkennen. Selbst Community-Manager regen höchstens Themen und Diskussionen an, wenn das nicht von allein geschieht.

Lernen 2.0 anregende Settings sind (Beispiele)

  • cMOOC
  • BarCamps
  • Open Space
  • WorldCafe
  • Communities of Practice
  • EdChats
  • Hackathons

Erläuterungen dazu in den Vortrags-Folien.

Beim Betrachten dieser Lernen 2.0 Settings fällt auf, dass es keine festgelegten Rollen mehr gibt. Jeder ist mal Beitragender und mal Nehmender, oder mal Lehrender und mal Lernender. Noch kürzer ausgedrückt: Alle Beteiligten sind zu „Teilgebern“ geworden. Und das Erstaunliche: Dabei funktioniert Lernen sogar richtig gut.

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Eine Antwort zu Lernen 2.0 – Jeder ist mal Lehrender und mal Lernender

  1. Lieber Herr Pape,
    aufgrund ihrer Aussagen zu Beginn dieses Artikels „Ich wage mal folgende Aussage:

    Lernen ist der Prozess, der zu einer neuen oder erweiterten Kompetenz führt
    Lernen ist ein Prozess, den Menschen von allein und ohne Anleitung beherrschen
    Lernen scheint eine angeborene Fähigkeit von uns Menschen zu sein, wie das Atmen oder das Verdauen.“

    wollte ich sie auf den Film Alphabet aufmerksam machen, den ich kürzlich im Kino gesehen habe (http://www.alphabet-film.com/). Hierin kommen viele ihrer angeschnittenen Themen kritisch beleuchtet zur Diskussion. Vielleicht gefällt er ihnen auch, oder sie bekommen neue Anregungen.

    Viele Grüße!

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