Lernen 2.0 in bayerischem Gymnasium

Günther Schmalisch, stellvertretender Direktor des Albert Ernst Gymnasiums hat von seiner Schule wie von einer skandinavischen Vorzeige-Schule berichtet. Nein, Oettingen liegt wirklich in Bayern, irgendwo zwischen Donauwörth und Ansbach. Leicht ergraut, mit langer Haarpracht und authentischer Ausstrahlung überzeugte der aktive Lehrer Schmalisch seine Zuhörer von der tatsächlichen Möglichkeit Schule und Lernen völlig anders zu gestalten, als er es selbst als Schüler erlebt hat – und wir anderen wohl auch. Und das in vollem Einklang mit Lehrplan und Schulordnung in Bayern.

Bild: von OpenClips auf Pixabay http://pixabay.com/de/

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„Die Kinder müssen reden, und nicht die Lehrer“ ist einer seiner bemerkenswerten Sätze. „Es geht nicht um Wissen, es geht ums Können“ ist ein anderer. Wie ein roter Faden zeigt sich bei ihm die Grundüberzeugung, dass Lernen immer etwas individuell Aktives ist, und dass es vergeudete Zeit und Mühe ist, alle gleichzeitig zu unterrichten. Das unser Bildungssystem alle gleich machen will, im gleichen Lebensjahr zur Schule, zur gleichen Tageszeit zum Unterricht, in der gleichen Geschwindigkeit zur Prüfung, und mit den gleichen Inhalten für alle, beklagt er nur kurz. Ihm ist klar, dass es gar nicht notwendig ist, dass alle zur gleichen Zeit die Klassenarbeit schreiben müssen. Das geht auch anders, sogar im Gymnasium in Bayern.

„Man braucht die Schule nicht zum Lernen“ sagt dieser Lehrer aus voller Überzeugung. „Lernen ist von Natur aus vorgesehen“. Und „Lernen muss geil sein!“ Nachmittags nach Hause gehen und mehr können, mehr sein, evt. sogar mehr können als die Eltern – was muss das für ein tolles Gefühl sein, sagt er. Das klingt gut. Und ist wohl auch gut umgesetzt in Oettingen. Vor etwa 10 Jahren gab es die ersten Überlegungen zum Umdenken. Klassisches Schulhaus mit üblicher Ausstattung: Alle Klassenräume gleich, egal für welche Altersstufe. Heute sind erste Schul-Etagen – noch nicht alle – Jahrgangs-entsprechend gestaltet, möglichst offen zum gemeinsamen Flur.

Die Raumarchitektur ist wichtig – vom Belehrungsraum zur Lernlandschaft – aber nicht entscheidend für das ungewöhnliche Lehr- und Lern-Konzept an dieser Schule. Es gibt nur noch Doppelstunden. 45 Minuten seien oft zu wenig, dann wird der Rest in die Hausaufgaben verlagert. Dass erfordert in der nächsten Stunde die Kontrolle der Hausaufgaben. Damit geht wieder wertvolle Unterrichtzeit verloren. Schmalisch hat ausgerechnet, dass das 20 vergeudete Unterrichtstunden im Jahr in einer Klasse ausmacht. Hausaufgaben sind in Oettingen fast unnötig. Schule soll Schule bleiben und Freizeit solle Familienzeit bleiben. Die Doppelstunden werden aber nicht für den Frontalunterricht benötigt, sondern sind individuelle Lernzeiten für die Schüler.

Ja, Schüler lernen dort aus eigenem Antrieb, in selbstorganisierten Klein-Gruppen. Selbst wenn der Lehrer später kommt, arbeiten schon alle ganz selbstverständlich an ihren eigenen Aufgaben. Die Anleitung zum Lernen entfällt, und wird ersetzt durch das klare Setzen von Jahreszielen. Dafür wurde der gymnasiale bayerische Lehrplan in eine Schüler-verständliche Sprache übersetzt, und mit jedem Schüler besprochen. Jedes Themenfeld ist mit einem Test abzuschließen, den die Schüler jederzeit machen können. Damit bestimmen sie das Lern-Tempo selbst. Dieser aufbereitete Lehrplan gibt über Farb-Markierungen gleich Hinweise zu bereitgehaltenem Lernmaterial, dass sich Schüler jederzeit holen können.

Meine Sonntage sind jetzt wirklich frei, schwärmt Lehrer Schmalisch. Das war früher anders, weil die Unterrichtsvorbereitung für die Woche sonntags nie fertig war. Jetzt wird Unterrichtsmaterial gemeinsam mit den Kollegen erarbeitet, was im Team leichter geht und dann auch von allen an der Schule genutzt werden kann. Und so manches tragen auch Schüler bei, wie z.B. die Kleingruppe die den „Kubikmeter“ gebaut hat. Schließlich sollen die Schüler sich gegenseitig ihre Ergebnisse vorstellen – und sich damit unterrichten. Am Ende solcher Unterrichte machen die Schüler für ihre Mitschüler auch oft Lernzielkontrollen. Die reden dabei aber nie von Test. Sie sprechen nur von einem Quizz!

Günther Schmalisch sagt, Lernen erfordere

  • Interesse, Neugier
  • Individualität
  • Bewegung
  • Emotion
  • Eigenaktivität
  • und Vorbilder.

Die Kunst sei es, zunächst Interesse zu wecken, und das bei jedem Einzelnen. Dann sei persönlicher Freiraum beim Lernen nötig. Auch Bewegung hilft beim Lernen, das wissen wir schon lange. Trotzdem zwingen wir Kinder in der Klasse still zu sitzen. In Oettingen nicht. Klassenräume und Flure sind dort Lernlandschaften, die beliebig betreten und auch wieder verlassen werden dürfen. Und wenn mal Arbeit am Tisch nötig ist, gibt es höhenverstellbare Tische die ein abwechselndes Arbeiten im Stehen oder Sitzen ermöglichen.

Bild: von PublikDomainPicures bei pixabay http://pixabay.com/de/

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Das Verhältnis der Lehrer zu den Schülern ist offensichtlich sehr wertschätzend, wenn man Günther Schmalisch glauben darf. Er würde am liebsten bei den Test-Korrekturen immer alles hervorheben, was richtig gemacht wurde, und nicht die Fehler. Zumindest die rote Tinte gibt es an dem Gymnasium nicht mehr. Rot ist als Fehler-Markierung wohl für die nächsten Jahrzehnte dort tabu. „Die Zeit des Blutvergiessens ist vorbei“ sagt Schmalisch.

Diese ganz andere Art Rahmenbedingungen für selbstorganisiertes Lernen zu gestalten – und nicht das Lernen selbst – hat ganz viel Ähnlichkeit mit dem was wir Lernen 2.0 nennen. Die Haupt-Kriterien für Lernen 2.0 sind

  • Austauch mit Anderen auf gleicher Augenhöhe
  • und selbstorganisiertes, selbstbestimmtes Vorgehen, ohne Anleitung von außen.

Beide Bedingungen scheinen erfüllt. Für Lernen 2.0 braucht man gar kein Internet. Günther Schmalisch geht übrigens wirklich in die Knie um mit Schülern zu sprechen! Wenn Schule den Kindern Spaß macht, dann ist er zufrieden. Einige Tipps gab er am Ende des Vortrages noch an Kollegen:

  • Machen sie einfach die Klassentür auf – und sie holen sich die Ruhe rein.
    Schüler sollen dann auch draußen lernen dürfen, womit er sehr gute Erfahrungen gemacht hat.
  • Ich brauche das Lehrbuch gar nicht: Schüler können das selber schreiben, oder aufnehmen. Schulbücher werden ohnehin nicht für die Schüler gestaltet, sondern für die Lehrer, die es kaufen oder empfehlen sollen.

Der faszinierende und glaubwürdige Vortrag wurde von Monika Roemer-Girbig vom Bayerischen Elternverband e.V. in der vhs Erlangen organisiert. Herzlichen Dank dafür!

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5 Antworten zu Lernen 2.0 in bayerischem Gymnasium

  1. Christian Vielhaber schreibt:

    Mich faszinieren sowohl die Grundeinstellung zum Lernen als auch die mutige Umsetzung. Ich hoffe, dass das Beispiel „Schule“ macht. Mich würde noch interessieren, wie weit die Lernstände im Laufe der Zeit voneinander abweichen und ob alle Themenfelder zwingend abgeschlossen werden müssen.

  2. Mathias Lillge schreibt:

    Dort würde ich als Lehrer gerne einmal hospitieren wollen ….

  3. Solche herausragenden Beispiele für gangbare Wege im Schulwesen sind da zu finden, wo das Schicksal Lichtgestalten erscheinen lässt. Lichtgestalten, so wie diese zwei Schulleiter welche zu sein scheinen. Wie schafft es das (bayerische) Schulsystem nur, die Zahl solcher Erscheinungen derart niedrig zu halten? Mein Gefühl dazu wäre, dass sich in anderen Lebensbereichen Kreativität und Durchsetzungsvermögen häufiger Bahn brechen als da, wo Kinder zu leben und zu lernen lernen..

  4. Hokey schreibt:

    Vielen Dank für den tollen Bericht!

  5. Pingback: Kreide fressen

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