Austausch zu „Wissens-Transfer“ am 7./8. März 2014 an der TH Mittelhessen

Wissens-Transfer? Der Begriff beschreibt einen Prozess, den wir gewöhnlich mit unterschiedlichen Begriffen belegen. Lehren, Lernen, Besprechung, Tagung, Ausbildung, Wissensmanagement sind nur einige dieser Begriffe, die den Wissens-Transfer für Individuen meinen. Das Übernehmen ausgebildeter Mitarbeiter aus Bildungs-Organisationen, die Zusammenarbeit von Unternehmen mit Hochschulen bei Forschung und Entwicklung und die Kooperation von Herstellern und Zulieferern sind andere Umschreibungs-Beispiele für den Wissens-Transfer zwischen ganzen Organisationen.

Dabei ist Wissens-Transfer ein ganz selbstverständlich praktizierter Prozess – nicht nur seit es Menschen gibt, auch andere Lebewesen kommunizieren ihr Wissen, wie z.B. der Schwänzeltanz der Bienen zeigt. Vielleicht ist der Begriff nicht so ganz glücklich gewählt, lässt er doch vermuten, dass Wissen von jemandem transferiert wird, so wie man Waren transportiert. Diese einfache Vorstellung prägt noch immer viele Bildungsinstitutionen. Tatsächlich scheint es unendlich viele Wege und Möglichkeiten des Wissenserwerbs zu geben, die alle auf Wissens-Transfer basieren.

Bild von geralt auf http://pixabay.com/

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Lehren und Lernen

Wissens-Transfer, verwendet als neutraler Ober-Begriff für alle Prozesse von Wissensaustausch und Wissenserwerb, ermöglicht einen Blick aus anderen Perspektiven auf langjährig eingeübte Prozesse des Lehrens, des Lernens, und auf Zusammenarbeit und Kooperation. Das scheint gerade jetzt auch nötig. Hochschulen, wie betriebliche Weiterbildungsabteilungen suchen nach neuen Modellen zum Unterstützen von Individuen beim Lernen. Als ein Beispiel sei der Massive Open Online Course (MOOC)-Hype in den Hochschulen genannt, den schon jetzt keine Hochschule mehr ignorieren kann. Open Education Europe meldet aktuell 394 aktive MOOCs in Europa http://openeducationeuropa.eu/en/european_scoreboard_moocs. Und auf der Unternehmensseite zeigt das Adidas-Beispiel die vollkommene Neuorientierung beim Transfer von Wissen innerhalb des Unternehmens. Jeder ist mal Lehrender und mal Lernender – vom Vorstand bis zum Praktikanten, das ist das Leitmotiv für die gerade entstehende Open Corporate University (Arbeitstitel) https://khpape.wordpress.com/2012/11/12/adidas-baut-die-open-corporate-university/.

Konferenzen und Tagungen dienen ebenfalls dem Wissens-Transfer. Auch hier entstehen derzeit ungewohnte neue Formate. Sogenannte Un-Konferenzen werden langsam hoffähig. Ob Open Space, World Cafe oder BarCamp, alle haben inzwischen auch den Weg in die Unternehmen gefunden. Un-Konferenzen drehen das klassische Transfer-Modell vom einen Experten zu vielen Aufnehmenden um. Das viel größere Wissen des gesamten Plenums wird hier genutzt.

Zusammenarbeit und Kooperation von und in Unternehmen

Auch Unternehmen agieren zunehmend in Kooperation mit anderen Unternehmen. Kooperation ist dabei nur ein anderer Name für gezielt betriebenen Wissens-Transfer. Klassisches Beispiel ist das gemeinsame Vorgehen von Herstellern und Zulieferern, z.B. in der Automobilindustrie. Oder die Zusammenarbeitsformen in den sog. Clustern, die in Europa Unternehmen zu gemeinsamen Aktivitäten anregen, für eine bessere Weltmarkt-Position im jeweiligen Fachgebiet. Wissens-Transfer zwischen Unternehmen ist noch lange nicht selbstverständlich. Führungskräfte und Mitarbeiter tragen eine ganze Reihe von Vorbehalten mit sich, die einen Austausch eher erschweren. Was darf ich sagen, und was muss intern bleiben, ist eine gar nicht so einfach zu beantwortende Frage. Die ist ebenso abhängig von der Unternehmenskultur wie auch von rechtlichen Regeln, z.B. vom Kartellrecht. Dabei entwickeln sich auch Unternehmen immer mehr zu Netzwerk-Organisationen, die ja nach Projekt neu zusammengestellt werden – auch unternehmensübergreifend. Dafür werden Wissensträger in Teams zusammengestellt, die ihr Wissen natürlich gemeinsam nutzen und damit austauschen. Eine dieser intensiven Wissens-Austauschformen sind z.B. agile Entwicklungs-Prozesse, wie SCRUM. In täglichen Kurz-Meetings wird dort von und für jeden Beteiligten berichtet, was jeder einzelne gestern gemacht hat, und was er heute tun wird. Dabei entsteht so unglaublich viel Wissen über den Gesamtprozess, dass man sich fragt, warum diese einfache Form des Wissensaustausches nicht längst üblich geworden ist.

Transfer-Formen zwischen Hochschulen und Unternehmen

Wenn ein Unternehmen einen Absolventen einer Hochschule einstellt, dann holt man sich das Wissen, das sich dieser Mitarbeiter an der Hochschule erworben hat ins Haus. In der Einarbeitungsphase beginnt das Verknüpfen dieses Hochschulwissens mit dem Unternehmenswissen beim neuen Mitarbeiter. Wieder ein Wissens-Transfer-Prozess, der oft einseitig – vom Unternehmen zum neuen Mitarbeiter – gesehen wird. Dabei können neue Mitarbeiter auch neue Sichtweisen und möglicherweise auch hilfreiche Erfahrungen einbringen. Hier wird schon deutlich, dass Wissens-Transfer eigentlich nie als Einbahnstraße gesehen werden sollte. Unsere einfache Vorstellung als Wissens-Transport vom Sender zum Empfänger scheint fragwürdig.

Hochschulen und Unternehmen kooperieren aber auch bei Forschung und Entwicklung. Dabei wird wieder Wissen in beide Richtungen transferiert. Mit steigender Zahl sog. Drittmittel-Projekte wird dieser Wissens-Transfer immer selbstverständlicher. Gerade bei dieser Zusammenarbeit wird aber auch auf die Grenzziehung geachtet, bis zu der Wissen fließen darf – und ja nicht darüber hinaus. Nun ist Wissen ja nicht wirklich aufhaltbar. Alle Personen, die es einmal verinnerlicht haben, besitzen es ein Leben lang. Und hier ist es wie mit digitalen Kopien: Jedes Weitergeben vermehrt die Menge der Wissenden, ohne dass das Original davon Wissens-Nachteile hätte. Viele rechtliche Regeln sollen unberechtigten Wissens-Transfer verhindern. Was wieder weitere Wissens-Transfer-Prozesse beim Verhandeln, Einführen und Überwachen dieser Regeln auslöst, wie die vielen Compliance-Trainings zeigen.

Wissens-Transfer in Netzwerken

Mit dem Web 2.0 ist das Internet zur riesigen Wissens-Transfer-Plattform geworden. Jeder kann hier sein Wissen zur Verfügung stellen, als Text, als Grafik, als Audio, als Video, als Webinar, als große Online-Konferenz. Und das alles völlig ungesteuert und unkontrolliert. Communities bilden sich zu den unterschiedlichsten Themen um sich auszutauschen, voneinander zu lernen und neues Wissen gemeinsam zu kreieren. Selbstorganisiert entsteht hier eine zunehmend massive Konkurrenz für alle organisierten Wissens-Transfer-Modelle, die zudem auch noch ortsunabhängig überregional präsent ist. Das berührt fast alle Organisationen. Massive Open Online Courses – MOOC bringen derzeit die Hochschulen in ungewohnte Wettbewerbs-Situationen. Noch sind es meist Hochschulen selbst, die MOOC veranstalten. Erste MOOC, die nicht von Bildungseinrichtungen getragen wurden, beweisen dass diese Art von Wissens-Transfer gar keine Bildungsorganisation mehr braucht. Als Beispiel dieser Art seien hier nur 2 herausgegriffen: Der „MOOC Maker Course“ http://howtomooc.org/ wurde von nur 3 Privatpersonen organisiert und gestaltet. Und beim „Management 2.0 MOOC“ http://www.cogneon.de/mgmt20 wurden von einem kleinen Beratungsunternehmen neben den weiterlaufenen Tagesaufgaben über 1000 Lernende betreut.

MOOC zeigen nur einen ganz kleinen Ausschnitt aus der Vielzahl von Wissens-Transfer-Initiativen im Internet. Europas größte Fach-Community ist Motor-Talk http://www.motor-talk.de/. Dort tauschen sich 10 Millionen Menschen über alle möglichen Themen zu Autos aus. Von der Kaufberatung bis zu Diskussionen über Reparaturen für jedes Modell reicht die selbstorganisierte Themenpalette dort. YouTube enthält inzwischen eine riesige Menge von „How to“-Videos, die Einzelne als Erklär-Videos für andere hochgeladen haben. Die YouTube-Suche nach „How to“ ergibt rd. 250 Millionen Treffer.

Die Beispiele zeigen: Wissens-Transfer verändert sich

Und das zum Teil dramatisch. Aus diesem Grund haben sich 3 Veranstalter zusammengetan: Der Arbeitgeberverband HESSENMETALL, die Technische Hochschule Mittelhessen und die Vereinigung der hessischen Arbeitgeberverbände wollen die gesellschaftliche Diskussion über Wissens-Transfer mit dem WissensTransferCamp anregen. Das WITRAC14, so die Kurzform, ist dabei als BarCamp selbst ein innovatives Wissens-Transfer-Format. Schließlich kann man nicht nur über Veränderungen reden, man muss sie auch gestalten und die Folgen selbst erleben.

Lehrende und Lernende, Unternehmen und Hochschulen, Learning Professionals und Berater finden hier einen ungewöhnlichen professionellen Rahmen für den Austausch rund um das Thema Wissens-Transfer. Weitere Informationen, auch zur Anmeldung finden Sie hier: http://wissenstransfercamp.mixxt.de/.

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