Nachdenklich nach dem eday 2015 im Essener Learning Lab

“Wie lernen wir künftig in Organisationen?” ist das Thema für den 8-wöchigen Corporate Learning 2.0 MOOC, der gerade angelaufen ist. Dabei stellen Unternehmen aktuelle Innovationsprojekte vor, wollen die mit den Corporate Learning Professionals offen diskutieren und gemeinsam weitere Ideen gewinnen.

Der MOOC läuft mit jetzt 1200 Teilnehmenden. Allein in der ersten Woche gab es weit über 500 Beiträge. Man kann langsam erkennen, wie Lernen sich ändern wird und was das für Konsequenzen für die Lern-Gestalter hat.

Wie wir künftig in Organisationen lernen werden, müsste ja auch an den Hochschulen zu erfahren sein, die Bildungs-Professionals ausbilden. Deshalb habe ich mich beim „eday“ des Learning Lab der Universität Duisburg Essen am 16.9.2015 angemeldet. An diesem Tag sollten Studenten aus den Online-Studiengängen Educational Media: Bildung und Medien  und Educational Leadership: Bildungsmanagement und Innovation  ihre Studien-Projekte vorstellen.

Bild: KhPape

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Gespannt kam ich in Essen an. Ein schönes Gebäude, großzügig, hell und lichtdurchflutet. Das Learning Lab ist auch gerade von Duisburg nach Essen umgezogen. Der eday 2015 war also gleich die Einweihungsfeier des neuen Standortes. Eröffnung in einem Raum mit großen Touch-Screens an zwei Wänden, fernsteuerbaren Kameras an 3 Seiten und funktionierendem WLAN. Das sei das eigentliche Learning Lab berichtete Prof. Kerres stolz. Mit Wischbewegungen könne man nun auch an diesen großen Touchscreens arbeiten. Das war für die Vortragenden in diesem Raum noch so ungewohnt, dass das „Wischen“ mehrmals der Hilfe von anderen bedurfte.

Jeweils 20 Minuten waren vorgesehen für die Projekt-Präsentationen der Studierenden. Wer in einem so innovativ wirkenden Learning Lab „Educational Media“ oder „Educational Leadership“ studiert, wird seine eigenen Projekte ganz sicher elegant ausgearbeitet überzeugend präsentieren. Irgendwie ist eine Präsentation ja eine Vermittlung eines Inhalts an die Zuhörer – wie bei in anderen Lern-Settings ja auch. Also ist eine solche Aufbereitung ja der Kern der eigenen Professionalisierung. Und wo sonst als in einem dieser Studiengänge sollte man diese Kompetenz besser einüben können. Hier kann ich sicher die Lern-Gestaltungs-Profis für künftiges, anderes Lernen erleben. Dachte ich.

Bild: KhPape

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Irgendwie kam das Gefühl dann aber nie auf. Powerpoint war das Mittel der Wahl bei den meisten Präsentationen. Bei einem leuchtete sogar der Schriftzug „Untertitel durch Klicken hinzufügen“ auf der Folie. Nur einer wagte sich an die freie Rede vor einer Infografik – oder sagen wir besser Schaubild, weil Infografik heute mit einer besonderen Art farblich und grafisch anschaulich gestalteter Überblicksbilder assoziiert wird. Ein Innovations-Highlight gab es dann doch: Die Erklärung zu einer App für „Wer kennt die Mediothek?“. Da übernimmt die App die erklärende Rolle der Bibliothekarin, und gibt den Schülern viel Freiraum fürs eigene Ausprobieren.

 

 

Soziales Lernen, voneinander, im Austausch untereinander, ist zumindest in den Unternehmen ein unübersehbarer Trend. Müssten dann nicht auch die künftigen Lern-Gestalter ihre eigene Ausbildung so erleben, um selbst zu spüren, was das mit einem macht, wie kraftvoll das sein kann, und welche Grenzen das auch hat?

Während der Vorträge blicken alle konzentriert auf den Vortragenden. Fast kein Ton sonst im Raum. Wenn die Studiengangsleiterin nach dem Vortrag dann zu Fragen auffordert, dann gibt es ausschließlich Fragen an den Vortragenden. Eine Diskussion unter den Studierenden scheint nicht üblich. Lernen wird hier offensichtlich hierarchisch eingeübt – von vorn in Richtung Plenum.

 

Bild: KhPape

Bild: KhPape

Dieses hierarchische Lernverständnis spiegelt auch die Einrichtung der neuen Seminarräume wieder. Lange Tischreihen hintereinander. Die Kreidetafel, das obligatorische Waschbecken und ein Overhead-Projektor gehört übrigens ebenfalls zur Ausstattung eines jeden Seminarraums dieses modernen Learning Lab.

Bild: KhPape

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Wie gewohnt habe ich meine Anmerkungen auch hier auf Twitter öffentlich gemacht. Ich vermutete, wer Educational Media studiert, wird sicher ebenfalls twittern. Meist ergeben sich dann über Tweets interessante Verbindungen, die man dann real vertiefen will. Ich blieb allein mit meinen Tweets. Nur einer antwortete mir auf Twitter, er wolle lieber real reden in der Kaffeepause. Meint er, das könne man dann nicht? Wenn doch Twitter seit 7 Jahren das Lern-Tool Nr 1 ist, laut Jane Hart, warum nutzt dann keiner der 100 Educational-Studierenden Twitter selbst? Haben die Studierenden vielleicht schon so viel Twitter-Erfahrungen gemacht, dass sie schon beim nächsten Hype sind, den ich nur noch nicht bemerkt habe?

Sehr nachdenklich verlasse ich das schöne Gebäude, in dem sicher so viel ganz anderes Lernen möglich wäre.

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Eine Antwort zu Nachdenklich nach dem eday 2015 im Essener Learning Lab

  1. Werner Sauter schreibt:

    Kann es sein, dass diese ernüchternden Erfahrungen etwas mit den Zielen dieses Studienganges zu tun haben? Steht doch in der Ankündigung:Das weiterbildende Studienprogramm Educational Media | Bildung & Medien ist ein Studienangebot, das … Kenntnisse und Fertigkeiten rund um das Thema Lernen mit Medien und E-Learning vermittelt. Den Anspruch, Lösungen für die zukünftigen Herausforderungen in der Enterprise 2.0, Industrie 4.0 oder Smart Factory zu erarbeiten, kann man wohl nicht einmal ansatzweise erfüllen, wenn man nur die notwendigen Voraussetzungen aufbaut, aber nicht wirklich Lösungen entwickelt, die reale Anforderungen erfüllen.

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