BarCamps als Lernumgebungen – ein Modell für Volkshochschulen?

Heute hat mich Joachim Sucker, der Initiator des VHS MOOC mit dem schönen Untertitel „Wecke den Riesen auf“, in einem sog. Mittags-Talk zu BarCamps und Volkshochschulen zu einem Google Hangout on air eingeladen. Ich empfand das Gespräch mit ihm sehr anregend. Deshalb will ich einige meiner Gedanken hier gleich festgehalten. 

BarCamps sind aus meiner Sicht Lernumgebungen. In BarCamps werden Rahmenbedingungen geschaffen, die Lernen auf ganz andere Weise unterstützen, als das übliche Lernsettings tun. Genau gesehen, werden bei BarCamps nur sonst übliche Hindernisse abgebaut, oder mindestens verringert.

Es geht also nicht um besonders gut aufbereiteten Content,
und nicht um das Motivieren von Teilnehmern,
und die Leute sagen am Ende, sie hätten noch nie so viel gelernt.

Etwas ist anders, bei BarCamps Un-Konferenzen und im Web 2.0:

  • Funktions-Hierarchien gibt es nicht mehr: Man spricht auf gleicher Augenhöhe miteinander (Vorname und BarCamp-Du)
  • Mal ist man Gebender und mal Nehmender – oder mal Lehrender und mal Lernender. Die Rollen wechseln dauernd, mal ist man Sessiongeber, mal Sessionteilnehmer, mal ist man Zuhörer, mal bringt man Beiträge ein. Die eingeführte Arbeitsteilung beim Lehren und Lernen wird wieder aufgehoben (Der natürliche Weg im Austausch voneinander zu lernen wird unausgesprochen unterstützt)
  • Jeder wird als Experte betrachtet, eben aus seiner Perspektive. Teilnehmer können sich ihr eigenes Bild aus vielen Perspektiven besser zusammensetzen, als von der sonst einzigen Referenten-Perspektive.

Beim Draufschauen auf solche Lernen 2.0-Prozesse kann man die deutliche Zunahme von Wertschätzung der „Lernenden“ erkennen – wobei ja die Einteilung in Lernende noch dem alten Rollenbild entspricht. Jedenfalls fühlen sich Beteiligte an einem BarCamp aufgewertet, sie könnten genauso gut die Session-Gestalter sein, wie schon im nächsten Moment wieder die interessiert Zuhörenden. Auch innerhalb einer Session ist nicht der Session-Gestalter der, der den Auftrag hat ein Thema bis zum Ende abzuarbeiten. Es sind alle daran beteiligt, und wenn sich ein anderes Ende ergibt ist das auch gut. Für den Erfolg einer Session sind jetzt alle gleichermaßen verantwortlich. Und trotzdem funktioniert das!

Unterschied zu klassischen Lehr-Settings

Für mich stellt das unsere sonst planenden und anleitenden Lehr-Settings in Frage. Selbst bei Erwachsenen meinen wir Lehrende immer, dass wir die Lernenden an die Hand nehmen müssen. Ihnen genau jeden Schritt vorgeben müssen, damit sie optimal zum gewünschten Ergebnis kommen. Dabei wissen wir ja nicht einmal welches Ergebnis der Einzelne anstrebt, oder welchen Erfahrungsstand er mitbringt. Da wir sie auch noch in Gruppen zusammenfassen, haben wir auch die gute Ausrede, es ja nicht jedem recht machen zu können.

In jedem klassischen Lehr-Setting festigen wir damit den seit Jahrhunderten eingeführten hierarchischen Lehr-Stil immer wieder von neuem. Das tun wir so gut, dass sogar die Lerner das von uns fordern. Wir haben alle in der Gesellschaft so sozialisiert, mit der Schule beginnend. Viele können sich kaum andere organisierte Lernformen vorstellen.

Dabei läuft das allermeiste Lernen informell. Gerade in Unternehmen reden wir heute von 90-95 % informellem Lernen der Mitarbeiter. Es sind sogar die großen Herausforderungen, die Mitarbeiter informell bewältigen. Plötzlich wird man Führungskraft – ohne dafür ausgebildet zu sein. Oder man bekommt eine andere Funktion, erhält zusätzliche Aufgaben. In allen Fällen nehmen Mitarbeiter die Herausforderungen an, und suchen sich alles nötige Wissen selbst zusammen, um ihre Aufgabe gut zu erfüllen. Allein, wenn man schaut, was Menschen in Unternehmen heute 5 oder 10 Jahre nach ihrer Einstellung machen, dann ist das oft etwas ganz anderes als das, wofür sie ausgebildet wurden, oder mal studiert haben.

Informelles Lernen ist also eigentlich das Übliche. Das heißt auch, jeder ist Meister im Selbst-Erarbeiten. Nur redet dann keiner von Lernen. Menschen entwickeln ihre Kompetenzen weiter, so ganz nebenbei, jedenfalls ohne den sonst empfundenen Lernstress.

Ich höre schon die vielen Kollegen, die jetzt sagen, das ist aber kein optimales Lernen, und wer prüft denn dann die Qualität des Erlernten. Wir stehen halt Kraft Amtes als Lehrende in der Position der Besser-Wissenden – auch was den Prozess des Lernens beim Einzelnen angeht. Dabei ist es weder möglich zu wissen, wo ein Lernender jetzt gerade steht, noch zu wissen, wo er eigentlich hin will. Und schon gar nicht, welche Synapsen im Gehirn des Lernenden mit anderen Synapsen schon Verbindungen haben und welche Verbindungen noch fehlen.

Nicht planbare komplexe Systeme

Aus meinem Verständnis von komplexen Systemen – und das Gehirn gehört ganz sicher dazu – ist es dort grundsätzlich nicht möglich Ursache-Wirkungs-Ketten zu erkennen. Dann kann ich den Prozess der Wirkungserzeugung – das Lernen – auch nicht von außen planen.

Die Antwort auf die Entwicklung von komplexen Systeme ist Selbstorganisation. Und dass wir Menschen das gut können, beweisen wir ja schon als Kinder. Mit 2 Jahren beherrschen Kinder ein sehr komplexes System meist vollständig, einschließlich der komplizierten Grammatik, die Sprache. Das haben sie sich allein beigebracht, selbstorganisiert. Ohne didaktische Anleitung. Ohne dass Lernen anstrengend empfunden wurde. Und das, obwohl das Projekt „Sprechen können“ wohl ganze zwei Jahre dauert.

Das klassische Lehr- und Lernverständnis geht von linear ablaufenden Prozessen aus. Möglicherweise war das schon immer ein Irrtum. Die Masse an selbstorganisiert informell lernenden Menschen zeigt uns, das nicht lineares, nicht in Lernzielen und Lernschritten eingeteiltes Lernen – ohne Anleitung von außen – sehr wohl zum Erfolg führt. Und noch nicht einmal als anstrengendes Lernen empfunden wird.

In BarCamps, allen Un-Konferenz-Formaten, wie in allen Lernen 2.0-Settings, nutzen wir diese Selbstorganisations-Kompetenz aller Beteiligten – und deren Know-how und Wissen. Die Erfahrung mit vielen Teilnehmern zeigt: Das geht immer, das kann jeder, auch ohne Anleitung. Wir müssen es nur zulassen, dann passiert dieses autonome selbstgesteuerte Lernen im Austausch mit Anderen von ganz allein.

Was bedeutet das für Lehrende und die Volkshochschulen?

Die größte Herausforderung ist wohl das Aufgeben der hierarchischen Ober-Position. „Wir wissen was für Lernende dieser Zielgruppe gut und richtig ist“ ist nicht die passende Denkhaltung – insbesondere im Umgang mit Erwachsenen, die sich weiterentwickeln möchten. Begleiten von Entwicklungsprozessen scheint mir die passendere Rolle zu sein. Und das auch noch als persönlicher Dienstleister für die Lernenden. Dienstleister sind Auftragnehmer, die Lernenden dann die Auftraggeber, die aus dem Dienstleistungsangebot selbst auswählen, was sie als hilfreich empfinden. Das setzt Wahlmöglichkeiten verschiedener Leistungsangebote voraus. Das habe ich unter Lerner-Services schon vor längerer Zeit mal beschrieben.

Ähnlichkeiten zwischen Volkshochschulen und BarCamps?

Wenn man das Zustandekommen und die Umsetzung eines VHS-Semester-Programmes aus der Vogelperspektive betrachtet, dann könnte man meinen, da läuft ein großes BarCamp ein ganzes Semester lang. Zur Programmplanung (Sessionplanung) wird in der jeweiligen VHS-Region gefragt, wer einen Kurs (Session) machen will, und ob er den kurz für alle beschreiben könne. Daraus entsteht das Semesterprogramm (Sessionplan). Jetzt suchen sich alle Interessierten genau den oder die Kurse (Sessions), die sie gern besuchen möchten (selbstorganisiert). Die Kursleiter (Session-Gestalter) gestalten ihre Kurse (Sessions) nach eigenen Vorstellungen (auch BarCamp-typisch).

Jetzt fehlt nur noch die Grundhaltung „gleiche Augenhöhe“, und die „Wertschätzung der Teilnehmer als Experten mit hilfreichen eigenen Perspektiven“, dann wären die VHS die idealen Umsetzer für Lernen 2.0 in ihren Regionen. Das VHS-Programm als BarCamp für ein halbes Jahr! So weit weg sind die VHS davon gar nicht. Nur die dafür nötige neue Grundhaltung aller Akteure wird sich ändern müssen.

Ein lohnenswertes Ziel, wie ich meine. Mit ganz neuem Selbstverständnis für VHS: Damit machen Volkshochschulen das Wissen der Region sichtbar. Sie vermehren das Wissen der Region durch Austausch, und sie schaffen den Rahmen für die Entwicklung neuen Wissens unter den auf gleicher Augenhöhe mit dem gleichen Thema beschäftigten Bürgern dieser Region.

Auszug Kursplan VHS Fürth

Auszug Kursplan VHS Fürth

Auszug aus Sessionplan CLC13

Auszug aus Sessionplan CLC13

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2 Antworten zu BarCamps als Lernumgebungen – ein Modell für Volkshochschulen?

  1. Pingback: Vergleich: BarCamps und VHS-Programme | Corporate Learning – Training und Wissensmanagement

  2. Jan Theofel schreibt:

    Die VHS Esslingen hat sich letztes Jahr mit dem BleibGesundCamp vor gewagt und ein Barcamp zum Thema Gesundheit und die zentrale Frage „Wie halte ich mich selbst gesund?“ veranstaltet. Soweit mir bekannt, war es das erste Barcamp, welches von einer VHS angeboten wurde.

    Ich hatte die Ehre, dieses zu organisieren und moderieren. Das Feedback der Teilnehmer war extrem positiv und am 8./9. Februar 2014 steht das Folgeevent in den Startlöchern. Zusätzlichen haben wir viel gelernt und gehen dieses Jahr mit einigen Änderungen an den Start um noch besser zu werden.

    Diese Erfahrungen und Anpassungen werden wir Gabriele Fröhlich (Leiterin Gesundheitsbereich der VHS Esslingen) im Januar bei der Bundesfachtagung für Programmplanende der VHS vor- und zur Diskussion stellen.

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