EduAction Bildungsgipfel 2016: Traditionell und Analog

 

20160701_091400„Ziel des EduAction Bildungsgipfels ist es, die 7 großen Herausforderungen der ZukunftsBildung gemeinsam, innovativ und umsetzungsorientiert zu diskutieren und anzupacken.“ So steht es auf der Homepage der zweitägigen Veranstaltung. 1500 Teilnehmende waren am 1. Tag im Mannheimer Kongresszentrum Rosengarten. Klassischer Kongress mit allen Teilnehmenden im großen Plenumssaal -den ganzen Vor- und frühen Nachmittag. Ja, WLAN gab es – aber nur auf Nachfrage an der Rezeption, kein öffentlicher Hinweis. Eine Twitterwall gab es nicht. Einen offiziellen Twitter Hashtag konnte ich in den Tagungsunterlagen auch nicht finden, habe deshalb nacheinander mit 3 verschiedenen Hashtags getwittert, bis ich bei dem von den meisten verwendeten gelandet bin, #eduaction2016. Aber nur rund 50 Personen haben überhaupt getwittert, etliche für ihre Organisation.

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Fast jeder machte sich Notizen, mit Bleistift und Papier. Mobile Geräte waren fast gar nicht zu sehen. Massenvorlesung vor 1500 Menschen. Alle sitzen regungslos auf ihren Plätzen und klatschen nach jedem Bühnenauftritt. Generelles Thema: Bildung muss sich ändern, so darf es nicht weitergehen. Zustimmung durch Klatschen, bequem zurückgelehnt im Konferenz-Sessel.

Zwischendurch Panel-Diskussionen und am Nachmittag Themen-Sessions und Workshops. Meine Session wurde so eröffnet:

Der zweite Tag hatte ganz verschiedene Angebote, unter anderen das EduImpact BarCamp. Für dieses aktive Austauschformat interessierten sich nur rund 40 Teilnehmende.

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Die hier versammelten Bildungsakteure lieben die klassische Front-Beschallung mehr. Das haben die EduAction-Veranstalter in der Gesamt-Gestaltung sehr richtig erkannt. Nur verfestigt man damit nicht die alten Gewohnheiten? Kann man so die Herausforderungen der Bildung „innovativ und umsetzungsstark diskutieren und anpacken“, wie es sich die Veranstalter auf die Fahne geschrieben haben? Müssen wir Bildungs-Gestalter nicht erst selbst unser eigenes Lernen umstellen, wenn wir das für andere glaubhaft ändern wollen? Das in den Keynotes beschriebene neue Lernen ist nicht theoretisch aus der Beobachter-Perspektive zu erreichen. Wer Lernen in Netzwerken, selbstgesteuert Lernen und selbstorganisiert Vorgehen, begleiten will, der muss das alles selbst beherrschen. Eine solche Konferenz wäre der geeignete Ort um all das erlebbar und ausprobierbar zu machen. Und auch um zu zeigen, dass es ganz andere Möglichkeiten gibt, als nur die traditionellen Lehrformate.
So bleibt ein eigenartiger Nachgeschmack: In Massen-Vorlesungen hat man uns vermittelt, dass Bildung so nicht aussehen darf.

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P.S.: Gerade sehe ich einen ganz ähnlichen Beitrag von Harald Schirmer, der zeitgleich beim Personalmanagementkongress in Berlin war. Auch 1500 Teilnehmer und auch beängstigend analog und traditionell.

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11 Antworten zu EduAction Bildungsgipfel 2016: Traditionell und Analog

  1. Martin Geisenhainer schreibt:

    Sehr schön beschrieben, vielen Dank für den Erlebnisbericht von der Bildungsfront. Ja, auch (oder vielleicht besonders?) im L&D herrscht noch die Freude am Konsum. Aktive Teilnahme wird ja häufig noch als eher unbequem betrachtet. Und – was möglicherweise noch schwerer wiegt – könnte dazu führen, dass eigenes Nichtwissen und Unvermögen zutage tritt. Denn das wäre ja ein Makel.
    Ich finde es immer interessant zu beobchten, wie die Begeisterung bei jenen entsteht, die zum ersten Mal an einem interaktiven Format, wie einem Barcamp teilgenommen haben. Es fehlt nur am Mut von Konferenzveranstaltern, ihr Angebot in Unkonferenzen umzuwandeln. Doch dazu braucht es weiterhin den steten Tropfen wie diesen Blog hier, oder eben auch kritische Tweets direkt aus der Veranstaltung.

    • Lisa Rosa schreibt:

      Es wäre fein, wenn alle, die mit Bildung im weitesten Sinne zu tun haben, das Wort „Konsum“ auf die Aneignung von Dingen beschränken würden, die nichts mit Lernen zu tun haben. Denn Lernen ist nie „Konsum“. Selbst wenn ich einem Vortrag lausche, bin ich aktiv im Kopp, sonst würde ich ihn nicht verstehen! Ein Lernbegriff, der mit *Konsum vs. Aktivität* arbeitet, der hat schon verloren, und schlimmer: Er befestigt die Haltung, die er beklagt, immer weiter. Denn „Konsument“ zu sein, ist nun mal in unserer Gesellschaft konnotiert mit „Spaß haben“ und „nicht verantwortlich sein“. Solange die Rede ist von den „Leistungsträgern“ (die sich angeblich für die „Konsumenten“ den A… aufreißen) kriegt man das nicht eingefangen. Selbst in dem von Karlheinz verlinkten Beitrag von Guru Schirmer wird Zuhören, Informationen sammeln, Lesen, mit „Konsum“ verwechselt.

  2. Lisa Rosa schreibt:

    Ja, es läuft immer noch sehr gut nach dem Muster: „Wir machen das zusammen. Ich sag euch, wie’s geht, und ihr nickt.“ Und für die Beteiligung gibt es oft eine extra Einlage, die allen gute Laune macht, weil sie aufstehen und ihrem Nebenmann in die Hände klatschen dürfen. Beteiligungsillusion: statt Mitspielen aufm Platz ist Public Viewing das neue feeling involved-Format!

    • mdeimann schreibt:

      Genau, es geht darum eine neue Industrie – die „Bildungsinnovation“/“EduAction“ – zu etablieren und mit medialer Aufmerksamkeit zu versorgen. Sobald sich was am Format (mehr Offenheit, mehr Partizipation/Kollaboration) ändern würde, wäre die Industrie gefährdet. Daher bleibt es natürlich beim Alten! Wir bekommen dann „Märchenonkel“ (Hüther, Dräger, Precht…), die uns erklären, wie Digitalisierung geht.

  3. Stefan schreibt:

    Nur weil etwas ´Old School´ ist und keine digitale Interaktion beinhaltet muss es ja nicht automatisch schlecht sein – wenn einzelne vielen ihren Standpunkt oder ihre Forschungsergebnisse mitteilen wollen/sollen ist das gute alte Konferenz-Format m.E. nicht unbedingt falsch nur weil es momentan nicht gehyped wird.
    Nicht alles kann man per Tweet effizient erledigen.
    Beim Lernen macht es doch – wie so oft – die Mischung. Und erfahrungsgemäß ist auch nicht jeder Teilnehmer bei Roundtables, Bar Camps, Fishbowls & Co. aktiv involviert… Insbesondere wenn es WLAN gibt…

    • Lisa Rosa schreibt:

      Effizient erledigt!

    • ibieler schreibt:

      Genau – die Mischung macht’s. Aber die ist hier offensichtlich zu kurz gekommen. Über twitter wollte ich der Veranstaltung folgen, war aber so gut wie nicht möglich. Eben weil die digitalen Medien offensichtlich nur unzureichend genutzt wurden. ‚Old School“, also altes Konferenzformat, hat natürlich auch seine Berechtigung. Aber ehrlich, wie hoch ist da der Austausch, die Interaktion?
      Auf der Homepage lese ich: „innovativ“, „umsetzungsorientiert“ und „Austausch einer neuen Qualität an Vernetzung und wechselseitiger Inspiration“. Wie bitte schön geht das mit „old school“?
      Wenn man etwas ändern will, funktioniert das immer noch sehr gut über Vorbildwirkung!

  4. Pingback: @KhPape : EduAction Bildungsgipfel 2016: Tradit...

  5. damianduchamps schreibt:

    Sehe das auch immer mit Erstaunen bei den Veranstaltungen der Medienberatung NRW. Digital sind allenfalls die, die vorne etwas vorstellen, vortragen oder ähnlich. Da frage ich mich dann auch, wo bin ich hier eigentlich. Es ist einfach unglaublich, dass gerade die, welche das Digitale in die Bildung bringen wollen, selbst oft so analog daher kommen.

  6. gsohn schreibt:

    Hat dies auf http://www.ne-na.me rebloggt.

  7. gsohn schreibt:

    Generell ist es erschreckend, wie ideenlos Wissen in Bildungsinstitutionen vermittelt wird – etwa in naturwissenschaftlichen Fächern. Das moniert der Physiker, Höhlenforscher und Science Fiction-Autor Professor Herbert Werner Franke seit Jahren: Ein Betätigungsfeld größter Bedeutung ist nach seiner Ansicht die Frage der Vermittlung von Daten. Das ererbte Verständigungssystem ist die Sprache, derer wir uns heute meist in Form von Schrift bedienen: Die im Gehirn auftretenden Vorstellungen werden durch Laute codiert, die dann als Buchstaben über das Auge aufgenommen werden, um im Gehirn wieder in die Lautsprache zurückübersetzt werden. Und dann erst folgt die Transformation in eine bildliche Vorstellungswelt. Das sei nicht die beste Art, etwas mitzuteilen, so Franke. Der Gesichtssinn könne sehr viel mehr Informationen pro Zeiteinheit aufnehmen als das an zweiter Stelle stehende Gehör, und dazu komme die Fähigkeit, zwei-, in gewissem Maß sogar dreidimensionale Entitäten wahrzunehmen. Zwei- oder dreidimensionale Zusammenhänge lassen sich mit Bildern besser ausdrücken als mit Worten. So könnte man in Schulen in den ersten Jahren völlig ohne Formeln auskommen. Eine Visualisierung der Mathematik würde sehr viel bessere Lernergebnisse zur Folge haben. Jeder Schüler sollte mit Lernautomaten ausgestattet werden, um mit modernen Visualisierungsmethoden Wissen vermittelt zu bekommen. Die Automaten würden die individuellen Lernfortschritte sehr viel besser dokumentieren. Lehrer könnten das nur bedingt. Die Kreidezeit in Bildungsinstitutionen sollte so schnell wie möglich der Vergangenheit angehören. Aber darüber reden wir nun schon seit einer Ewigkeit. Ein paar Whiteboards in den Vorlesungssaal oder Klassenraum zu stellen, reicht nicht aus.

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