Open Badgets: Eine sinnvolle Initiative – auch fürs Corporate Learning

Mozilla Foundation ist als Non-Profit-Organisation den meisten nur über den Firefox-Browser bekannt. Mozilla hat sich nun vorgenommen zum führenden Innovator im Bildungs-Bereich zu werden. Aus meiner Sicht haben sie mit dem Open-Badges-Projekt einen sehr wirkungsvollen Hebel dafür gefunden: Badges sollen künftig die Ergebnisse von Lernprozessen sichtbar machen. Bisher kennen wir das nur am Ende langer Ausbildungen oder nach speziellen Lehrgängen mit Abschlussprüfungen. Nur wenige dieser Diplome oder Zertifikate kann jeder in seinem Leben erwerben und vorweisen.

Damit fällt es jedem schwer, seine im Laufe eines Lebens erworbenen Fähigkeiten und Kompetenzen darzustellen. Wer sich an die Vorbereitung für das letzte Bewerbungsgespräch erinnert, wird das sicher bestätigen. Auch innerhalb des eigenen Unternehmens ist es überhaupt nicht trivial, Experten mit bestimmten Kompetenzen zu finden, weil das nur schwer systematisch erfassbar ist.

“Making it easy to issue and display badges across the web” ist das Motto von Mozilla für das Projekt. Badges sollen technische wie auch soziale Skills einer Person bestätigen. Eine bestimmte Menge spezifischer Badges könnte das Anforderungsprofil einer Funktion ausfüllen. Das Erarbeiten mehrerer Badges könnte andererseits ein Ausbildungsangebot sein.

Noch ist das Projekt in der Testphase bei ausgewählten Organisationen, z.B. der P2P University. Es zeichnet sich aber ab, dass es zwei Arten von Badges geben wird
•    Skill Badges (ausgegeben von Trainings- oder Bildungsorganisationen)
•    Community- oder Peer-Badges (bestätigt von Communities oder einzelnen Experten)

Technisch sollen die Badges in der Cloud verwaltet werden, so dass einzelne Nutzer nur auf die eigenen Badges zugreifen können. Die darf jeder dann so zusammenstellen, wie und wo er mag, z.B. auf der eigenen Webseite, im Email-Abspann, auf seiner Facebook-Seite oder in den „gelben Seiten“ innerhalb seines Unternehmens.

Es gibt eine Reihe von Vorbildern im Netz für solche Abzeichen. Online-Spieler erarbeiten sich bestimmte Level, und bekommen diese dann innerhalb der Community neben dem Namen für jedermann sichtbar bestätigt. Standort- bezogene Netzwerke, wie z.B. https://de.foursquare.com/ , vergeben ebenfalls Badges (häufigster Besucher wird zum Bürgermeister ernannt). Um wieviel interessanter müssten Badges für eigene reale Kompetenzen dann eigentlich sein?

Badges erwerben bei Trainingsorganisationen

Ob sich Badges etablieren werden, ist heute noch nicht klar. Ich halte es allerdings für sehr wahrscheinlich, weil es heute so schwer ist, die im Job erworbene Kompetenz bei einem Wechsel zu belegen. Auch die üblichen Teilnahmebescheinigungen von Weiterbildungsseminaren helfen da nicht so richtig.

Badges bestätigen Fähigkeiten. Die muss man bewiesen haben für die Bestätigung. Was wäre, wenn wir die Erteilung des entsprechendes Badges davon abhängig machen, dass nach dem Seminar die Umsetzung am realen Arbeitsplatz auch wirklich erfolgte? Bestätigen könnte das die Führungskraft oder ein anderer Experte aus dem Unternehmen. Denkbar wäre auch ein Anwendungsbericht des Teilnehmers, der zeigt, ob aus dem Gelernten eine Kompetenz geworden ist.

Badge-Erteilung also als zusätzliche Leistung zum ganz normalen Training. So könnte das am Anfang ohne viel Aufwand umgesetzt werden. Das geht zunächst sogar ohne die Anbindung an die Infrastruktur für Open Badges von Mozilla: Durch Verteilen von persönlichen Badges an die Teilnehmer.

Wenn diese Badges von den Teilnehmern angenommen und im eigenen Netzwerk verteilt werden, dann wirkt das auch positiv für die (im Badge erkennbare) Trainingsorganisation. Möglicherweise ergibt das zusätzliche Nachfrage, in jedem Fall steigt der Bekanntheitsgrad. Und innerhalb von Unternehmen ist das ein deutlicher Schritt zu mehr Kompetenz-Transparenz.

Mittelfristig wird das aus meiner Sicht auch neue Kompetenzentwicklungs-Dienstleistungen auslösen. Badges werden den Fokus auf die Umsetzung am eigenen Arbeitsplatz lenken. Das Seminar wird weniger wichtig werden. Die Unterstützung bei der ungewohnten Aufgabenerledigung wird uns Trainings-Dienstleister neue Workplace-Learning-Angebote abverlangen. Badges werden also auch zu neuen Kompetenzen auf Anbieterseite führen.
Also gleich zwei Gründe, die Badge-Idee einfach mal auszuprobieren.

Hier der offizielle Foliensatz von Mozilla zur Open Badges Idee:

Veröffentlicht unter Lebenslanges Lernen, Neue Lernformen, Trainings-Dienstleistungen, Trainingsziele, Uncategorized | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

E-Portfolios sollten eher der Konversation dienen als der Präsentation: Helen Barrett

„Lernen ist Konversation“ sagt Helen Barrett in dieser mich sehr ansprechenden Darstellung zu Nutzen und Anwendung von E-Portfolios. Unter dem Titel „Balancing theTwo Faces of E-Portfolios“ gibt die E-Portfolio-Expertin zunächst eine sehr anschauliche Erklärung wie man E-Portfolios auch verstehen kann:
•    Financial portfolio: document accumulation of fiscal capital
•    Educational portfolio: document development of human capital

Immer wieder betont sie die Autonomie des Lerners, die Wahlmöglichkeiten für den eigenen Lernweg, den das E-Portfolio-Lernen ermöglichen soll. E-Portfolios bieten die Basis für Selbst-Reflektion und auch für Feedbacks von anderen. „Reflection and Relationships are the heart and soul of an e-portfolio – NOT the technology“. Lernen erfolgt in der Auseinandersetzung mit Anderen. Dann lässt sich das im E-Portfolio erarbeitete Wissen auch speziell zusammenstellen um damit zielgerichtet eigene Kompetenz darzustellen

Eine so kompakte und ansprechende Zusammenfassung des E-Portfolio-Gedankens (die 93 Folien sind schnell zu lesen) habe ich bisher noch nicht gesehen. Sehr empfehlenswert!

width:425px“ id=“__ss_11281535″> UAA balancing

Veröffentlicht unter Didaktik, E-Portfolio, Lebenslanges Lernen, Neue Lernformen, Trainings-Dienstleistungen | Verschlagwortet mit , , , | 1 Kommentar

Internet Time Alliance: Insights 2012

In wenigen Sätzen gut auf den Punkt gebracht, was sich beim Corporate Learning ändert, haben die 5 Experten Harold Jarche, Charles Jennings, Clark Quinn, Jane Hart und Jay Cross in folgender Präsentation:

width:425px“ id=“__ss_11252661″> ITA Insights 2012

Sätze wie “When an enterprise commits to becoming a diverse, organic,value-creating network ,the training department has to join the fray. ~ jay“ oder
„Conversations are the engine of business. ~ clark“ oder auch „In a knowledge economy, the individual is the knowledge creator, and relationships are the currency. ~ harold“ oder „80% of corporate learning is informal; 80% of the money goes to formal. ~ jay“ und “We don’t need to have separate “learning” tools to share learning resources, co-create and learn with our colleagues – but rather use the very same tools that we use to do our jobs. ~ jane“ weisen in noch ungewohnte Lehr- und Lernfelder.

Was sich hier gerade langsam aber stetig ändert, ist der erwartete Abstieg von der erhobenen Position des Lehrenden bis zur gleichen Augenhöhe mit den Lernenden. Und dann sind irgendwie alle Lernende – im Idealfall mit unterschiedlichen Kompetenzen, die über eine andere Form der Kommunikation gegenseitig nutzbar werden können.

Wirklich neu für uns Trainings-Profis – die wir bisher immer die Anderen zu Veränderungen bewegt haben – ist jetzt die aktive Änderung der eigenen Rolle, des eigenen Status. Unsere Teilnehmer wollen immer weniger von uns verändert werden. Irgendwie scheinen sie selbstbewusster geworden zu sein. Sie wissen, was sie für ihren Job brauchen, und bedienen sich dafür der angebotenen Unterstützung lieber nach ihren eigenen Vorstellungen. Irgendwie verändern uns jetzt die Teilnehmer. Für den, der sich drauf einlässt, sicher ein gutes Zeichen auf dem richtigen Weg zu sein.

Veröffentlicht unter Didaktik, Neue Lernformen, Trainings-Dienstleistungen, Trainingsziele | Verschlagwortet mit , , , | Hinterlasse einen Kommentar

“Open Content Academy” – Lerner-Unterstützung pur? (#cecbi11)

Open Content Akademie war der Titel einer Session, die ich gemeinsam mit Dörte Giebel am letzten Sonntag beim EduCamp machen durfte. Vielleicht ist der Titel ein wenig verwirrend: Es geht eigentlich nicht um Content in dieser Academy: Wenn doch schon heute stetig mehr Lernstoff gut aufbereitet im Internet zu finden und frei zu haben ist, dann wird eine traditionelle Funktion unserer Bildungseinrichtungen langsam überflüssig: Der Transport von Inhalten zum Lernenden. Sehr wahrscheinlich wird es auch in der Regel kaum einem Trainer, Lehrer oder Dozenten künftig noch gelingen, besser zu sein als die beste Aufbereitung im Netz zu dem Thema. Die besten Darstellungen werden sich unter den Lernenden ganz sicher rum sprechen. Wozu sollte man dann noch den eigenen Lehrer dazu hören wollen?

Ist das nur Zukunftsmusik?

Das renommierte und teure MIT macht nun schon 10 Jahre lang vor, dass es kein geschäftlicher Nachteil ist, wenn man die Vorlesungen – den Content –  einfach kostenlos für jedermann im Netz verfügbar macht. 200 Universitäten auf der Welt machen das inzwischen ähnlich. Auch unzählige Organisationen und viele einzelne Experten haben ihr Wissen im Netz bereits ebenfalls zur Verfügung gestellt, Tendenz steigend. Hier ein weiteres Beispiel aus einem Blog schon vom Nov 2010 . Und für Schul-Content ist die Khan Academy das wohl bekannteste Beispiel,  jetzt auch schon in Deutsch.

Was bleibt dem Lehrenden, wenn der Inhalt wegfällt?

Bisher haben wir immer 2 Aspekte so eng miteinander verknüpft, dass wir sie kaum noch auseinanderhalten können

  • die Aufbereitung der Inhalte und der Transport zum Lerner
  • und die persönliche Unterstützung der Lerner beim Erarbeiten des Stoffes.

Meine Erfahrung aus betrieblichen Trainingsorganisationen: Die Entwicklung eines neuen Trainings besteht überwiegend aus Entwicklungszeit für die Kursunterlage. Das ist Konzentration auf den Content. Der wird so aufbereitet, dass es der durchschnittliche Lerner, den man sich aus der Zielgruppe vorstellt, eigentlich verstehen müsste. Das dauert schon so lang, und kostet zudem ja auch teure Arbeitszeit, dass anschließend kaum noch Zeit bleibt für die Planung lernunterstützender Maßnahmen.

Das Problem: Nach dem Rollout des neuen Trainings wartet man auf diesen durchschnittlichen Lerner aber immer vergeblich. Jeder Teilnehmer hat so ganz andere Erwartungen oder Vorkenntnisse, so dass der typische Teilnehmer am Ende sagt: „30% des Seminars waren ganz gut, den Rest kannte ich schon oder brauche ich nicht“.

Dabei haben wir uns doch so viel Mühe gegeben mit dem didaktischen Aufbereiten des Inhalts!

Chancen für neue Trainings-Dienstleistungen?

Wenn doch die Content-Vermittlung nicht mehr der Trainingsschwerpunkt sein muss, könnten wir uns viel mehr auf die individuelle Unterstützung des Lernenden fokussieren. Vielleicht ist Lern-Coaching da ein hilfreicher Begriff. Etwas ungeübt fühlt sich das noch an, haben wir uns doch bisher immer gut an den Inhalten festhalten können. Und so wirklich viel fällt uns da auch nicht ein, was das eigentlich sein könnte: Lern-Coaching.

Aber heilsam ist es wohl, sich mal ganz auf die eigentliche Aufgabe zu konzentrieren: Wie kann ich den Einzelnen am besten unterstützen, auf seinem eigenen Weg sich das Thema zu erschließen?

  • Die Aufgabe muss wohl klar sein, auch Kriterien für die erfolgreiche Erledigun
  • Vielleicht macht ein Vorgehensvorschlag Sinn? (Andere sind auf folgenden Wegen …)
  • Möglicherweise helfen Hinweise auf vorausgewählten Content?
  • Ein dem Lerner hilfreiches regelmäßiges Feedback kann beschleunigen oder erleichtern
  • Gemeinsam lernen in einer Community könnte angeregt werden. Evt. die Community dafür „pflegen“.

Da gibt es sicher noch viel mehr, was als konkrete Dienstleistung für Lerner auch seinen Wert hätte. Schließlich geht es immer darum, ob jemand auch bereit ist, für diese Leistung zu zahlen – wenn es nicht mehr um die Inhaltsvermittlung geht. In der Session beim EduCamp haben alle Teilnehmer gesagt, sie würden das tun. Im realen Trainingsgeschäft muss sich so eine „Open Content Academy“ erst noch beweisen.

Dank an Dörte Giebel und die Session-Teilnehmer für die interessante Diskussion!

Veröffentlicht unter Didaktik, Neue Lernformen, OER, Trainings-Dienstleistungen | Verschlagwortet mit , , , , | 3 Kommentare

Lehren heißt gut kochen (#ecbi11)

Die aktuellen EduCamp-Diskussionen über OER, also über den Content und dessen Aufbereitung, zwingen dazu die Rolle des Lehrenden, egal ob Lehrer, Trainer oder Dozent, neu in den Blick zu nehmen.

Eigentlich sind Lehrende so etwas wie Köche. Die bereiten Nahrungsmittel zu bekömmlichen und überwiegend wohlschmeckenden Portionen auf, und stellen passende Menüs zusammen. Die edlen Köche wissen, dass  man durch das passende Ambiente und den zuvorkommenden Umgang mit dem Gast die notwendige Ernährung zum Hochgenuss machen kann.

Lehrende bereiten geistige Nahrung in gut verdaulichen Portionen und möglichst schmackhaft auf. Menüs stellen sie auch zusammen. Und das Ambiente und Umgang mit dem Lerner als „Kunden“, das Lernen zum Erlebnis werden lassen kann, ist auch keine neue Erkenntnis.

Nun erleben Lehrende derzeit eine steigende Konkurrenz: Immer mehr „Fast-Food-Restaurants“ bieten geistige Nahrung an, und das auch noch ganz in der Nähe, die bringen das sogar auf Wunsch sofort in die Wohnung, auf den heimischen PC. Youtube ist da nur ein Beispiel von vielen.

Aber nicht nur von Fast-Food können sich Lerner so ernähren. Ganze Uni-Vorlesungen, sogar komplette Studiengänge können Lernen inzwischen an ihrem PC „verzehren“. Geistige Nahrung ist im Überfluss jederzeit zu erhalten, Tendenz steigend. Bei Überangebot am Markt fallen die Preise: Immer mehr gibt es schon für den Preis 0.

Der Content ist es also nicht mehr, mit dem man als Lehrender sein Geld verdienen kann. Die Dienstleistung muss neu gestaltet werden, um noch attraktiv zu sein. Ein „Mehrwert“ muss produziert werden, für den Kunden auch bereit sind Geld zu bezahlen. (Das gilt auch für Schule und Hochschule´, hier sind die zahlenden Kunden die Steuerzahler.)

Vielleicht können wir uns da auch in der Gastronomie Anregungen holen: Trotz Schnellimbiss an jeder Ecke halten sich gute Restaurants. Trotz vieler Koch-Shows kochen immer weniger selbst zu Hause.

Wenn Menschen heute essen gehen, dann haben sie immer die Wahl. Es gibt nicht nur ein Gericht oder Menü. Jeder wählt das, auf was er derzeit Appetit hat, und was er derzeit zu seiner Ernährung braucht. Menschen wählen auch, zu welchem Koch sie gehen, was wiederum einen qualitätsfördernden Wettbewerb unter den Köchen auslöst.

Auch wenn das vielen Lehrenden sicher nicht angenehm erscheint, aber der Wettbewerb hat ja schon begonnen. Die Fast-Food-Kette Youtube ist ja schon da.

Ich bin sehr gespannt auf die weitere Diskussion – auch am 2. Tag des EduCamps heute.

Veröffentlicht unter Didaktik, Neue Lernformen, OER, Online Trainings, Trainings-Dienstleistungen | Verschlagwortet mit , | 1 Kommentar

Content-Vermittlung von Lern-Dienstleistung trennen: 1. Tag EduCamp Bielefeld #ecbi11

Der erste Tag des immerhin schon 8. Educamps http://educamp.mixxt.de/ ist vorbei. Die Dominanz von Schulthemen macht deutlich, dass das EduCamp jetzt zum Fachtreffen für Lehrerinnen und Lehrern geworden ist. Deren inzwischen deutlich gestiegene Zahl ist ermutigend. Da ist es gut, dass sich das CorporateLearningCamp http://colearncamp.hessenmetall.de/  jetzt als regelmäßige Veranstaltung für diese andere Zielgruppe etabliert hat: Das nächste wird im September 2012 in Frankfurt Main stattfinden.

6 Sessions konnte ich heute erleben, eine davon hatte ich selbst angeboten. Die wesentliche Erkenntnis dieses Tages für mich: Wir müssen Stoff-Vermittlung und Lerner-Unterstützung künftig getrennt betrachten!

Bisher haben wir beim Unterrichten immer zwei Aspekte vermengt:

  • Das Übermitteln des Contents zum Lerner
  • Und die fördernde Begleitung des Lerners.

Lerner entdecken nun im Internet immer mehr gut aufbereiteten Content – vielleicht sogar besser dargestellt als es ihr Lehrer / Trainer könnte. Die Notwendigkeit als Lehrer oder Trainer Content zu vermitteln rückt also immer mehr in den Hintergrund. Wenn das Vermitteln wegfällt, bleibt nur noch die Lerner-begleitende Unterstützung – die eigentliche pädagogische Kernaufgabe. Uns fällt es schon schwer, diese Dienstleistung greifbar zu beschreiben, und erst recht das konkret umzusetzen. Egal ob in Schule, Uni oder Training, Lehrende haben eigentlich immer den Schwerpunkt auf die Vermittlung von Inhalten gelegt. Die persönliche Unterstützung der Lernenden war eher intuitiv gesteuertes Handeln, wenn man dafür überhaupt Zeit hat. Bei der Entwicklung von Trainings kann man das gut am weit überwiegenden Aufwandsanteil für die Erstellung der Trainingsdokumentation erkennen. Da werden praktisch zusätzliche Bücher geschrieben, nur als Aufbereitung des Contents.

Nach dieser didaktischen Mammutarbeit fühlen sich Trainer i.d.R. gut für einen neuen Kurs vorbereitet. Dabei hat man sich die ganze Zeit einen durchschnittlichen Teilnehmer aus der vorgesehenen Zielgruppe vorgestellt (den man aber in keinem Seminar je antreffen wird). Mit dem Einteilen und der Vermittlung des Contents in verdaulichen Häppchen, meint  man i.d.R. genügend Lerner-Unterstützung geleistet zu haben.

Was bleibt, wenn das nun nicht mehr nötig ist?

Wie sieht eine Lerner-unterstützende Dienstleistung dann noch aus? Ist die dann überhaupt noch nötig? (Wenn die vorher auch nicht geleistet wurde, haben es die Lernen ja auch ohne geschafft!)

Ratlosigkeit bei vielen Teilnehmern, aber auch die Erkenntnis, dass es dringend nötig ist, diese eigentliche pädagogische Aufgabe der Lern-Begleitung zu definieren, und eine neue Art von Lern-Dienstleistung zu praktizieren.
Ein gutes Ergebnis dieses ersten Tages, wie ich meine.

Veröffentlicht unter Didaktik, Neue Lernformen, OER, Trainings-Dienstleistungen | Verschlagwortet mit , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

E-Portfolios als Reiseberichte durch eine Themen-Landschaft?

Das Fachforum E-Portfolio an der Goethe-Universität Frankfurt, wie immer professionell moderiert von Claudia Bremer, ist als Erfahrungsaustausch-Forum für Hochschulen angelegt. Entsprechend großräumig war die Resonanz: Hochschulvertreter aus ganz Deutschland kamen zusammen. 8 sehr unterschiedliche E-Portfolio-Ansätze wurden dargestellt. Man sammelt noch Erfahrung und versucht die Idee E-Portfolio innerhalb der bestehenden Hochschulstrukturen in Lehrveranstaltungen anzuwenden. Es braucht also Überzeugte, die in dem Massen-Lehrbetrieb Hochschule einzelne Dozenten zum Mitmachen gewinnen. Gleichzeitig verstößt das gegen die Lerngewohnheiten vieler Studenten, weshalb bei freiwilligen Portfolio-Angeboten nur etwa die Hälfte der Studierenden mitmacht. Wohl die Hälfte, die ohnehin zu den Leistungsstärkeren gehört, wie ein Referent beobachtete.

Prof. Dr. Rose Vogel von der Universität Frankfurt M, hat die Schnecke als Symbol für das entschleunigte E-Portfolio-Lernen vorgestellt. Das ist beabsichtigt, ebenso wie die Intensivierung des Lernens über die im E-Portfolio geforderte reflexive Auseinandersetzung mit dem Lernstoff. Wohl eher Zufall war die Häufung von E-Portfolio-Beispielen  für pädagogische Studiengänge – in anderen Fachbereichen wird ebenfalls mit E-Portfolios experimentiert. Nur in einem vorgestellten Beispiel war das E-Portfolio prüfungsrelevant, sonst diente es noch eher als gut gemeinte Empfehlung für strukturierteres Lernen. Insbesondere in der Weiterbildung wird von Widerstand der Lernenden berichtet, die in der Führung von E-Portfolios einen Mehraufwand sehen, der ihnen nicht hilfreich erscheint für das Bestehen der Klausuren.

Ich bin dankbar für diesen wertvollen Überblick der vielen E-Portfolio-Experimente. Nachdenklich sitze ich jetzt in der Bahn mit dem Gefühl, E-Portolios müssten eine andere, viel zentralere Bedeutung fürs Lernen haben. Nichts Zusätzliches, eher etwas Ersetzendes. Mir ist klar, dass die Umstellung schwer ist, gelten doch die universitären Rahmenbedingungen weiter von Prüfungsordnung bis Einzelleistungsnachweis. Wie könnte Lernen mit E-Portfolios aussehen, wenn man sich diese Bedingungen anders denkt?

Könnten E-Portfolios so etwas sein, wie eine zu erstellende Landkarte für ein dem Lerner noch unbekanntes Gebiet? Und wenn diese Landkarte nachvollziehbar gefüllt ist, kann das Ergebnis bestätigt werden. Dabei wird davon ausgegangen, dass dieses Gebiet von keinem Lerner komplett erkundet werden kann, man schafft immer nur einen Weg durch das schwierige Gelände. Und der nächste Lerner findet wahrscheinlich einen ganz anderen Weg. Auch gut. Bei anwachsendem Wissen, ist ja auch heute schon eine Auswahl nötig, nur trifft die jetzt der Lehrende.

Also E-Portfolios als individueller Reisebericht / Reiseführer durch eine thematische Landschaft? Das könnte ich mir gut vorstellen. Das müsste dem Lerner auch Spaß machen. Und den „Lehrenden“ – hier besser „Lernbegleitenden“ – könnten dadurch möglicherweise auch selbst neue Gebiete im Themenfeld erschlossen werden. Solche „Lernbegleiter“ müssten geeignete „Gelände“ zur Erforschung zuweisen, und eher den Erkundungsprozess als das Erkundungsergebnis beurteilen. Gute Lernbegleiter freuen sich über möglichst viele unterschiedliche Geländeerkundungen ihrer Studierenden.

Portfolios – das E- ist dafür nicht zwingend – könnten wirklich ganz anderes Lernen unterstützen. Vielleicht kommen wir damit der uralten Erkenntnis von Galileo Galilei wieder näher: „Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken“.

Veröffentlicht unter Didaktik, E-Portfolio, Neue Lernformen | Verschlagwortet mit , , , , | 5 Kommentare

„Wissen Trade-in“?

Bin ganz fasziniert von einer offenbar neuen Geschäftsidee von Amazon: Vor 4 Wochen habe ich dort ein Buch gekauft. Heute bekomme ich eine Mail von Amazon mit dem Angebot dieses Buch gegen einen Gutschein einzutauschen. Porto übernimmt Amazon. „Bücher Trade in“ ist noch in der Test-Phase und soll demnächst ausgeweitet werden
Das Geschäftsmodell scheint interessant: Amazon weiß ja von ihren Kunden was die bestellt haben. Wenn dann nach einer genügend langen Zeit das Angebot zum einfachen Rückkauf kommt, werden viele sicher einwilligen. Das könnte Ebay gehörig Konkurrenz machen. Hier verkauft Amazon dann die gebrauchten Waren, ohne dass man weiteren Aufwand hat.

Können wir so ein Modell nicht auch auf das Wissensmanagement übertragen?

Jeder, der Anderen etwas beigebracht hat, könnte nach einer gewissen Zeit nachfragen, ob derjenige das jetzt auch anwendet und beherrscht. Dann könnte diese Person ja als Wissensgeber für das Thema sichtbar – und für Andere „buchbar“ gemacht werden. Auf diese Weise entsteht dann im Lauf der Zeit ein „Markt“, auf dem sich Wissenssuchende den aus ihrer Sicht besten Wissensvermittler aussuchen können.

Die Gegenargumente höre ich auch schon: Wer stellt eigentlich die Qualität sicher, wenn jeder der etwas erklärt bekam, dann selber Erklärer sein soll? Ich würde dann antworten: Wissen wir das denn bei denen wirklich, die ein Zertifikat dafür bekommen haben? Ist ein Lehrer ein guter Lehrer, nur weil er das 2. Staatsexamen bestanden hat? Und kennt nicht jeder von uns viele hervorragend erklärende Kolleginnen und Kollegen, die sich ihr Wissen auch nur über Zuhören und Tun angeeignet haben?

Und wenn es nach diesem Modell dann einen „Markt der Wissenden“ gibt, unter denen man wählen kann, dann entwickelt das ganz sicher auch Qualität – sofern das in die Kultur der Organisation passt. (Aber das ist ein weiteres Thema.)

Veröffentlicht unter Didaktik, Neue Lernformen, Wissensmangement | Verschlagwortet mit , | 2 Kommentare

Der perfekte Launch einer Community-Plattform #CCB11

Noch so eine interessante Session beim CommunityCamp 2011: Oliver Ueberholz, Mixxt-Gründer, hat aus den Erfahrungen mit der Mixxt-Einführung bei verschiedenen Unternehmen eine Anleitung für den perfekten Launch zusammengestellt. Mixxt ist eine sehr umfassende Community-Plattform, wie sie z.B. auch bei BarCamps oft verwendet wird (Beispiel hier).

Wenn man solch eine Community-Plattform innerhalb einer Organisation etablieren will, kommt es auf die rasche Akzeptanz möglichst vieler in der Organisation an. Das kennt man auch von anderen neuen IT-Tools. Oliver Ueberholz hat nun einen kompakten Leitfaden mit 3 Phasen dafür vorgestellt:

Vorphase:

  • Kernteam bilden mit Beteiligung aller betroffenen Zielgruppen:
    möglichst ausgewogen: Junge  und Ältere, Männer und Frauen,
    Hierarchen und Mitarbeiter, Vertrieb und Service, …
  • Dem Kernteam eine klare Prozessbeschreibung für deren Aufgabe mitgeben
  • Klare Zielsetzung mit jedem im Kernteam einzeln abklären
  • Den zeitlichen Einsatz, Zeitpunkt und Dauer mit jedem einzelnen klar verabreden
  • Das Kernteam zu ersten vorbildlichen Nutzern machen: Das Vorbild im weiteren Prozess
  • Früher Vorab-Launch nur mit dem Kernteam (Die dürfen vorher schon Erfahrung sammeln)
  • Starter-Paket für die ersten Schritte erstellen: Begrüßung / Regeln / konkrete erste Anweisungen
    Einfache klare und kleine Schritte für den Anfang eines jeden Betroffenen

Pre-Launch Phase:

  • Der erste Eindruck für neue User muss gut sein. Vorbilder werden gebraucht. Leute kommen sonst nicht wieder. (Vorbilder sind die Kernteam-Mitglieder, die z.B. ihre Profile vollständig ausgefüllt haben.)
  • Das Kernteam soll zunächst weitere „Early Adopter“ mit reinziehen. Damit wird auch gleich so etwas wie eine Vor-Test-Phase möglich.

Launch Phase (Nicht Launch-Zeitpunkt, sondern Launch-Zeitraum)

  • Konkret angekündigte Termine schrauben die Erwartungen hoch. Wenn dann etwas nicht pünktlich klappt, ist das Projekt schon mal negativ aufgefallen
  • Besser „Wir starten in den ersten Februarwochen“, wenn man dann am 1. Februar startet ist das eher eine positive Überraschung
  • Am Anfang: Verstärktes Community-Management, um die ersten User schnell zu unterstützen, später ist dann weniger nötig
  • Die ersten 100 User persönlich begrüßen (persönliche Mail, oder ggf. auch per Telefon)
  • Die ersten Kritiker sofort direkt ansprechen, könnten später sogar beste Unterstützer werden
  • Engagement und Aktivität direkt und offen anerkennen
  • Gegenwerte schaffen für die investierte Zeit (Anerkennung, Wertschätzung)
    (Wenn die Leute schon Zeit reinstecken, dann gibt man Ihnen am besten Zeit für sie zurück)
  • Niemals zu große Ziele setzen. Nur messbare und erreichbare für die erste Zeit.
    Kann man dann auch immer wieder als Erfolg kommunizieren.
  • Erfolge offen kommunizieren und auch feiern
  • Niemals mit zu viel Funktionen starten, lieber über die ersten Monate langsam weitere Funktionen dazu schalten. Dabei kann man auch auf erste Erfahrungen und Änderungswünsche der User eingehen.
  • Ruhig Weiterentwicklung demonstrieren, Feedback berücksichtigen, für alle sichtbar nachbessern

Hier der Link zu den Ausführungen von Oliver Ueberholz.

Weitere Sessionberichte von CCB11: The big Radioeins Community Fail und Gesundheit von Communities

Veröffentlicht unter Communities, Social Media | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

The big Radioeins Community Fail #CCB11

Dass der Umgang mit der eigenen Nutzer-Community keine Errungenschaft der digitalen Zeit ist, zeigte die  Session von Volker Düspohl beim CommunityCamp 2011  in Berlin. Radio 1 ist eine öffentlich rechtliche Welle in Berlin/Brandenburg mit 130.000 Hörern in der durchschnittlichen Stunde. 40 Jahre alt, extrem gut gebildet, mit sehr gutem Einkommen, das ist der typische Hörer von Radio 1. Dazu gibt es noch die hohe Verweildauer von durchschnittlich 4 Stunden je Hörer am Tag (der Durschnitt der übrigen Radios liegt bei 160 bis 180 Minuten am Tag).

Radioeins begleitet die Hörer zu wesentlichen Zeiten des Tages. Entsprechend engagiert sind auch die Hörer für ihr Programm. Das gehört zu ihnen wie ihr Wohnzimmer. Hörer von Radioeins sind also Fans, sagt Volker Düspohl von Radioeins. Inzwischen hat Radioeins auch 18.000 sichtbare Fans auf Facebook.

Das alles sind natürlich gute Rahmenbedingungen für die Werbung im Radio. Entsprechend viele Angebote für Werbe-Blocks erhält die Redaktion. So viel, dass man aufpassen muss, dass Werbung für die Hörer gerade noch erträglich bleibt. Das führte zu einer großen Programm-Umstellung, einschließlich eines neuen Sound-Designs. Ohnehin scheint so eine Renovierung des Programms ab und zu notwendig, nur hat man sich diesmal entschieden das alles auf einmal zu machen. Jede Änderung ruft immer Protest bei den Hörern hervor. Man möchte Änderungen in seinem gewohnten „Wohnzimmer“ nicht zulassen. Also war man gefasst auf kritische Kommentare, die früher eben per Postkarte oder Brief in Massen kamen, aber erfahrungsgemäß nach einigen Tagen wieder abebben, wenn man sich an das Neue gewöhnt hat.

Diesmal aber wurde der Protest öffentlich auf Facebook. Viele Fans schlossen sich an, die Masse der ablehnenden Kommentare wuchs von Stunde zu Stunde. Unglücklicherweise zu der Zeit, als die Online-Redaktion wegen Krankheit und anderer Groß-Projekte nicht richtig arbeitsfähig war. Deshalb kam die erste Reaktion des Senders auch erst nach 2 ½ Tagen, als sich der Ärger schon so richtig aufgeschaukelt hatte. Natürlich viel zu spät im Zeitalter direkter Online-Kommunikation. Zumal es in den ersten 2 Stunden meist möglich ist, auf die ersten Beschwerdeführer einzugehen, und damit das Aufschaukeln negativer Meinungen zu vermeiden.

Wie geht nun ein kritik-gewohnter Sender damit um?

Volker Düspohl gibt zu, dass man natürlich in den ersten Stunden hätte reagieren müssen. Nach 2 ½ Tagen jedoch war Gelassenheit angesagt. Aus der Erfahrung früherer Umstellungen war klar dass sich die neuen Hörgewohnheiten bald eingestellt haben werden. Sachliche Klarstellungen auf Facebook und Abwarten brachte dann auch wieder Frieden in die Fangruppe. Auch die Facebook-Fanzahl sank nur um wenige Einzelne in der Zeit.

Lessons Learned daraus:

Natürlich würde man beim nächsten Mal früher reagieren, und für den Umstellungszeitpunkt auch alle Kapazität im Community-Management bereithalten.

Könnte man über die sozialen Medien heute nicht die Hörer vorher in die Planung der Veränderungen einbeziehen?

Radioeins hatte schon früher versucht, die Hörer vorher zu fragen, was verändert werden soll, oder wie sie das neue Sound-Design finden. Das ging immer schief, wohl weil es dabei um Geschmacksfragen geht, die immer individuell unterschiedlich beurteilt werden. Man kann von den eigenen Kunden vermutlich auch nur kleine Verbesserungen am bekannten Produkt erfahren, nicht aber den Hinweis auf völlig Neues. Ein Teilnehmer zítierte dazu Henry Ford: „Wenn ich meine Kunden gefragt hätte, was sie wollen, dann hätten sie sich schnellere Pferde gewünscht“. Vom Nutzen größerer Innovationen muss man als Anbieter so überzeugt sein, dass man sie auch gegen die spontane Reaktion der eigenen Kunden durchsetzen kann.

Radiostationen haben offenbar Übung darin, und können auch im Zeitalter des Web 2.0 mit Gelassenheit punkten. Volker Düspohl fühlt sich bestätigt durch die Analyse der Facebook-Kommentare: Nur einige wenige hatten alle 2 Stunden die Stimmung immer wieder angeheizt.

Danke für die aufschlussreiche Session!

Weiterer Sessionbericht vom CommunityCamp: „Gesundheit von Communities“

Veröffentlicht unter Communities | Verschlagwortet mit , , , | 3 Kommentare