Lernen 2.0 ?

Inflationär kommen die 2.0 Begriffe inzwischen daher, von dem Hype bleibt auch Lernen nicht verschont. Was bedeutet es eigentlich, wenn wir auch von „Lernen 2.0“ sprechen? Gibt es Versions-Nummern beim Lernen?

Bildquelle: Vernetzung von geralt bei pixabay.com

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Übers Lernen wurde viel geforscht und geschrieben. Viele Lerntheorien sind entstanden, aber so richtig überzeugend wirken sie nicht. Lernen scheint ein von Menschen gut beherrschter, aber sehr komplexer Prozess zu sein, der sich so viel verschiedenen Bedingungen anpassen kann, dass eine systematische Beobachtung immer nur in künstlich stark eingegrenzten Situationen möglich ist. Den Gesamt-Prozess des lernenden Individuums haben wir bisher nicht wissenschaftlich erfassen können.

Dabei ist Lernen ein so grundlegender menschlicher Vorgang, der uns allen sehr vertraut ist. Lernen ist der Prozess, der unsere eigene Entwicklung ermöglicht, befördert und stattfinden lässt. Ein ureigener automatisch ablaufender Prozess, den wir nicht erst lernen müssen, so wie auch das Atmen, oder das Verdauen. Auffällig bei diesem Entwicklungsprozess – der aus meiner Sicht ein ganzes Leben lang ununterbrochen stattfindet – ist die Interaktion mit der Umwelt, und dort überwiegend mit anderen Menschen (auch Werken von anderen Menschen, wie Bücher, Dokumente, …). Lernen ist in jedem Falle eine Folge von Interaktionen.

„Interaktion bezeichnet das wechselseitige Aufeinandereinwirken von Akteuren oder Systemen und ist eng verknüpft mit den übergeordneten Begriffen Kommunikation, Handeln und Arbeit. Manchmal werden diese Begriffe sogar synonym verwendet.“ (Wikipedia-Definition) Genau so könnte man auch das Web 2.0 definieren, als wechselseitiges Aufeinandereinwirken von Akteuren. Damit wird die darunterliegende Technik nicht mehr isoliert betrachtet, erst mit dem Interagieren der Akteure wird die Internet-Infrastruktur zum Web 2.0.

So gesehen ist Lernen 2.0 eine treffende Bezeichnung für den Gesamtprozess von Interaktionen die Menschen mit Menschen und auch mit anderen Informations-Quellen haben. Technik kann diesen Prozess unterstützen und beschleunigen, ist aber keine notwendige Voraussetzung für Lernen – für den Prozess menschlicher Entwicklung. Also eigentlich betreiben wir schon immer Lernen 2.0.

Eine aus meiner Sicht gut passende Vorstellung von Lernen (auch Lernen 2.0) vermittelt die Konnektivismus-Idee von George Siemens und Stephen Downes. Ganz verkürzt sagen sie, dass das Wissen in Netzwerken steckt, und das Lernen die Fähigkeit darstellt, hilfreiche Verbindungen zu Netzwerk-Knoten herzustellen. Eine Vorstellung, die aus meiner Sicht alle Lehr- und Lernsettings leiten sollte.

Ich freue mich drauf, Ideen zu Lernen 2.0 auszutauschen. Ein gute Gelegenheit, dies auch in einem ungewöhnlichen Lernsetting zu tun, ist der Cogneon KnowledgeJam am 17.5.2013 in Nürnberg. Ich bin auch dabei.

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HR BarCamp: Schon das zweite mit jetzt 140 begeisterten Teilnehmern

Am 21. und 22. Februar 2013 besetzten 140 Personaler das Ahoy Berlin – einen Co-Working-Space in einem beeindruckenden alten Industriegebäude in einem der großen Hinterhöfe der Windscheidstraße in Berlin Charlottenburg. Anzugträger, junge wie ältere, wenige Berater, hohe „Frauenquote“, und schon beim morgendlichen gemeinsamen Frühstück eine ausgesprochen freundliche und entspannte Stimmung. Ob die karge weißgetünchte Beton-Konstruktion früherer industrieller Produktionsräume die Teilnehmer so anregt, oder ob es die ganz andere Art von Konferenz-Stil beim HR BarCamp ist, die so erwartungsvoll einstimmt, ist nicht auszumachen.

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Pünktlich beginnt die obligatorische Einstimmung der beiden Organisatoren, Christoph Athanas und Jannis Tsalikis mit einigen Slides. Auf die knackig kurze BarCamp-Vorstellrunde mit Namen und maximal 3 Tags wird hier verzichtet, was ich sehr schade finde, weil damit der schöne Überblick fehlt, welche Kompetenzen und welche Typen heute hier im Camp vertreten sind. Egal, hier geht es ohne. Auch die Sessionplanung verläuft etwas unüblich. Schriftlich müssen die Session-Vorschläge eingereicht sein. Vorschlagende werden einzeln nach vorn gerufen, um ihre Session vorzustellen. Mit den Vorschlägen füllt sich die Pinwand vorn.

140 Personen sollen jetzt an der Pinwand Punkte für die Sessionvorschläge kleben. Diese Bewertung ist logistisch natürlich ein wenig schwierig, kostet Zeit und unterbricht irgendwie die sich aufbauende spannende Vorfreude auf die jeweils interessant empfundenen Sessions und / oder Session-Gestalter. Entsprechend dem Session-Voting werden dann Raumgrößen und Zeiten zugeordnet. Das geht eleganter, z.B. fragt Oliver Ueberholz als Moderator des CommunityCamps – was übrigens schon seit Jahren im gleichen Gebäude stattfindet – nach dem „Raumindikator“ gleich bei jeder Session-Vorstellung im Plenum. Dennoch, der Stimmung tut das längere Procedere nicht weh. Teilnehmer nutzen die Zeit für Gespräche.

Wirklich schade ist, dass es nur 3 Session-Räume gibt. Damit fallen einige der vorgestellten Sessions aus dem Plan, und die Teilnehmerzahlen in den Sessions sind naturgemäß durchschnittlich hoch. Aber vielleicht kann man das auch als Vorteil sehen: Die Qual der Wahl ist zu jeder Stunde kleiner, bei drei parallelen Sessions als bei sechs. Insgesamt haben die Veranstalter nur Gelegenheit für 21 Sessions vorgesehen an den eineinhalb Tagen. Bei anderen BarCamps mit vergleichbarer Teilnehmerzahl wird Platz für 50 Session an 2 Tagen vorgesehen – auch mit dem Wunsch wenige freie Slots für spontane Sessionbildungen vorzuhalten.

Folgende Session-Themen kamen beim HR BarCamp 2013 auf die Agenda:

  • Guerilla Recruting – Wirksames Recruitung mit begrenztem Budget
  • Projektbeispiel und Use Cases Enterprise 2.0
  • Aus den eigenen Reihen – Internen Wechsel fördern
  • Guerilla Lernen – subversiv, schräg, neu
  • Wie sieht die perfekte Stellenanzeige aus?
  • Crowdstorming  – Future Work
  • Transparentes Recruiting – Vom Marketing bis zum Feedback
  • Welche Rolle spielt HR (noch) in der agilen Netzwerkorganisation
  • PE in (Kultur) Wandel
  • Gute und schlechte „Personalwerbung“ UND Recruiting-Video-Katastrophen
  • Internes Marketing bei der Einführung von Social Media und pfiffigen Ideen
  • Online-Assessment als Instrument der Personalentwicklung
  • Quo Vadis (in) HR
  • Neueste Diagnostische Forschung – Entscheidungsqualität im Fachkräftemangel
  • David und Goliath – Wie überzeugen Sie im Mittelstand die Generation Y
  • Mobile Recruiting
  • Recruiting 2.0: Proaktiv statt Post and Pray. Was ändert sich für Personaler?
  • Wie werden Mitarbeiter zu Arbeitgeber-Botschaftern
  • Mitarbeiterblogs, was sie bringen, woran sie scheitern, wie man sie erfolgreich einführt
  • Onboarding 2.0 UND Generation Y. Mitarbeiterbindung ganz einfach – oder?
  • Storytelling für Personal – Anwendungsideen, Kombinationsmöglichkeiten

Mit 9 von 21 Sessions war “Recruiting” damit das Schwerpunkt-Thema dieses HR BarCamps.

Ein große Zahl Sessions wurde ausführlich dokumentiert: In insgesamt 14 Session hat ABSOLVENTA, eine Jobbörse für Studenten und Absolventen, eine Person zum Mitschreiben eingesetzt! Die zusammengefasste Session-Dokumentation ist hier zu finden: http://hrbarcamp.jimdo.com/doku-feedback-2013/?logout=1.

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen, das HR BarCamp 2013 war insgesamt erfrischend gut. Das konnte man an den strahlenden Gesichtern der Teilnehmer ablesen, an der intensiven Diskussion mit hoher Beteiligungsquote, und an den Session-Themen.

Als Nicht-Personaler mit reicher BarCamp-Erfahrung fallen mir jedoch auch einige Verbesserungs-Potentiale auf:

  1. Da ist zunächst die Einschränkung auf aktive Personaler (mit wenigen zusätzlichen Beratern). Damit ist man weitgehend unter sich. Zum Beispiel waren die vielen Kunden der internen Personaler überhaupt nicht vertreten. Ich bin sicher, so manche Session wäre ganz anders verlaufen, wenn es einen offenen Dialog über die eigenen Berufsgrenzen hinweg gegeben hätte. Meine Empfehlung: Die Anmeldeeinschränkung auf nur Personaler und wenige Dienstleister bewusst aufheben. BarCamps leben von der Vielzahl unterschiedlicher Perspektiven.
  2. Das Prinzip Selbstorganisation darf beim nächsten Mal ruhig noch ein wenig mehr angeregt werden. So ist es zum Beispiel gar nicht nötig, Vorgaben für den Session-Ablauf zu machen. Auch Vorträge können in Sessions hoch interessante Beiträge sein. Das sollte nur vorher angegeben werden. Die Teilnehmer wählen schon aus, was sie für interessant halten.
  3. Selbstorganisation bedeutet auch, dass es niemanden gibt, der anleitet. Daraus erschließt sich ja erst das große Potential, das in den Teilnehmern steckt. Das ist nie planbar. Deshalb sind Session-Gestalter auch meist nur Initiatoren für ein Thema, dass sich mit den Teilnehmern dann entwickelt. „Bitte teilen Sie sich in 3 Gruppen und bearbeiten Sie dort die vorbereiteten Fragen“ ist das übliche Vorgehen eines von einem Trainer angeleiteten Seminars. Das widerspricht dem Selbstorganisationsprinzip und dem „gleiche-Augenhöhe-Prinzip“.
  4. Das Prinzip „gleiche Augenhöhe“ aller Teilnehmer ist ein wesentlicher Unterschied zu anderen Konferenzen. Dazu kann man schon in vorbereitenden Mails auf den Dress-Code hinweisen, damit niemand am ersten Tag mit Anzug kommt. Und in der Einstimmung am Morgen empfiehlt sich eine klare Ansage zur Anrede, z.B. „‘Damit wir auch wirklich auf gleicher Augenhöhe hier miteinander umgehen, empfehle ich nur noch den Vornamen zu verwenden. Damit zählen alle Meinungen gleich – egal ob von Professor oder Praktikant“. Damit lässt sich in der weiteren Erklärung leicht das Du für die beiden Tage einführen.

Aber wie gesagt: Das HR BarCamp war ein großer Erfolg! Ich hab wieder viel gelernt, und viele andere offenbar auch, wie die Abschluss-Statements zeigten. Das Urteil von Jörg Buckmann http://blog.buckmanngewinnt.ch/  zeigt das auch: Das HR BarCamp war deutlich interessanter als sein letzter großer Personal-Kongress!

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Muss Lernen Spaß machen?

Nach einem meiner Vorträge zu neuem Lernen stellte ein Zuhörer am Ende die Frage, ob Lernen denn immer Spaß machen müsse? Irgendwie wunderte mich die Frage, weil ich das gar nicht thematisiert hatte. Spaß am Lernen wird aber öfter als Abwehrargument angeführt, um das angeblich „seriöse“ klassisch arrangierte Lernen nicht in Frage stellen zu müssen. Also: Muss lernen Spaß machen?

piano-78492_1280Schauen wir uns dafür natürliche – also nicht von einem anderen angeleitete – Lernsituationen an, dann fallen mir spontan kleine Kinder ein. Wenn ein einjähriges Kind laufen lernt, dann erscheint das sichtbar mühselig, wird von vielen schmerzhaften Misserfolgen begleitet, und dauert mehrere Wochen bis das selbständige Laufen einigermaßen klappt. Ich denke nicht, dass dieser Lernprozess Spaß macht. Wohl aber das Ergebnis: Ganz stolz zeigt sich ein Kind, wenn es wie die Großen auch auf zwei Beinen laufen kann – auch wenn es noch wackelig und unsicher wirkt. Das gleiche kann man auch beim Sprechen-Lernen beobachten: Es ist ganz sicher kein Genuss, als Kleinkind immer wieder nicht richtig verstanden zu werden. Dann aber, wenn es verstanden wurde, ist die Freude groß.

Und wenn wir in Unternehmen von 95% informellem Lernen ausgehen, dann geschieht dieses Lernen auch nicht aus Spaß. Im Gegenteil, das ist oft anstrengend, ungewohnt Neues möglichst gleich perfekt zu erledigen. Frühestens hinterher stellt sich ein gutes Gefühl ein. Man ist auch ein wenig stolz darauf, die Herausforderung gemeistert zu haben – und wenn Kollegen und Führungskraft den persönlichen Erfolg registrieren, freut einen das in der Regel zusätzlich.

Lernen als Prozess der Entwicklung von Fähigkeiten, hat offensichtlich wenig mit Spaß zu tun. Das ist eher immer anstrengend. Spaß aber macht der Erfolg, also das erstmalige Erleben einer neuen eigenen Kompetenz. Und darüber freut man sich sogar umso mehr, je anstrengender der Prozess war. Mir scheint Lernen gut vergleichbar mit ehrgeizigem Fitness-Training: Der 2000m-Lauf ist eher quälend, erst hinterher stellt sich das gute Gefühl ein.

Das bedeutet aber nicht, dass Lernen immer quälend sein muss. Am besten ist es wohl, wenn man es gar nicht bemerkt. Das eigene Lernen wahrnehmen heißt ja, die Aufmerksamkeit aufs Lernen lenken. Aufmerksamkeit sollte besser auf den nächsten Schritt beim Erarbeiten der gerade anstehenden neuen Aufgabe konzentriert werden. Ums Lernen brauchen wir uns gar nicht kümmern, Lernen passiert von ganz allein. Aber den Erfolg – das Erleben neuer Kompetenz – sollten wir bewusst geniessen!

Und für Lern-Dienstleister passt dann die abgewandelte Überschrift des Guardian: “… helping our students learn without realising  they are doing it”.

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Lernen auf neue Weise unterstützen in der VHS?

120 Volkshochschul-Programmplanerinnen und -planer aus Südbayern und 50 aus Nordbayern haben sich gerade in zwei Veranstaltungen des Bayerischen Volkshochschulverbandes ausgetauscht. Ich durfte die Keynote gestalten, Impulse zu neuem Lernen hieß der Auftrag. Hier die Folien:

Meine Perspektive auf Lernen ist geprägt vom Corporate Learning. Da ist sicher nicht alles auf alle Volkshochschulangebote übertragbar, aber die Zielgruppe Erwachsene haben wir in jedem Fall gemeinsam. Und für diese Zielgruppe gibt es tatsächlich eine wachsende Menge neuer Lernangebote im Internet, in Communities und neuen Veranstaltungsformaten. Das lenkt Teilnehmerströme auch für Volkshochschulen in andere Richtungen ab. Durch immer mehr gut aufbereitetes Lernmaterial im Internet, wird auch der Qualitätswettbewerb schärfer. Jeder, der seinen Vortrag oder sein Lehrvideo ins Internet stellt, möchte nicht der Schlechteste sein. Gute Stoffaufbereitungen bilden schon heute die dauerhafte Konkurrenz für viele inhaltsvermittelnde Semnare. Oft können Trainer gar nicht so viel Aufwand für die Inhaltsdarstellung treiben. Damit wird es für Lernende interessanter, sich das Lern-Video anzuschauen – und den Kurs gar nicht erst zu besuchen.

Zudem geraten Volkshochschulen mit ihrer nur regionalen Ausrichtung (Gemeinde oder Kreis) in eine schlechte Wettbewerbsposition, wenn überregionale Angebote mit geringen Beteiligungshürden, z.B. MOOC’s, massenhaft Teilnehmer sammeln, und damit künftig sogar Volkshochschulpreise unterbieten können. Sieht man sich dann noch das starke Wachstum von durch Privatpersonen organisierten regelmäßigen Events an (von WebMontag bis BarCamps: laut Zusammenstellung von Markus Teschner 46 allein im Großraum Nürnberg), und betrachtet man diese realen Events als Lern-Veranstaltungen, dann ist hier in vielen Regionen so etwas wie eine Schatten-VHS mit großem Zulauf entstanden.

Veränderungen bergen aber auch immer Chancen. 

Beginnen wir mit verfügbarem und gut aufbereitetem Lernmaterial im Internet: Das kann man nutzen, um damit die Flipped-Classroom-Idee als neue Lernform in VHS einzuführen. Die Inhalte schauen sich die Teilnehmer vor dem Kurs an, im Kurs wird dann nur noch gemeinsam an den zugehörigen Aufgaben gearbeitet.

MOOC’s können – eine oder besser noch mehrere – VHS ebenfalls anbieten. Egal ob cMOOC oder xMOOC, möglicherweise gewinnt man sogar die Landes-Rundfunkanstalt als Partner zu Erstellung der wöchentlichen Inputs, die ja möglicherweise auch als Radiobeiträge ihren Trigger-Input liefern könnten. Einen ersten vorsichtigen MOOC-Versuch gemeinsam mit dem Hessischen Rundfunk machen die hessischen VHS gerade.

Lern-Coaches, Lerner Services, wären ganz neue Dienstleistungen, die selbständiges Lernen unterstützen und informelles Lernen mit formalem Lernen gut verbinden könnten.

Und als größere Vision könnten VHS so etwas wie Wissensmanager für die lernende Region sein. So wie sich Unternehmen bemühen, immer mehr zu lernenden Unternehmen zu werden, um sich schneller weiterzuentwickeln, so können auch ganze Städte oder Landkreise ihr Einwohner-Potential zur eigenen Weiterentwicklung nutzen.

Ein schönes Beispiel für die Unterstützung einer lernenden Organisation gibt die Adidas-Open Corporate University. Vom Vorstand bis zum Praktikanten ist dort jeder mal Lehrender und mal Lernender. Die Open Corporate University stellt die Infrastruktur dafür, dass jeder sein Wissen weitergeben kann, egal ob als Seminar, als Video, Wiki-Eintrag oder Event – und gibt ebenfalls jedem Mitarbeiter die Möglichkeit sich dort Wissen abzuholen, dass er gerade braucht, und sich in Communities zu engagieren, die ihn interessieren.

Das müsste doch auch auf Gemeinden oder Landkreise anwendbar sein: Die VHS als anregende Infrastruktur für Wissensaustausch und Wissenskonstruktion für Bürger der eigenen Region. Also nicht das Aufbereiten und Vermitteln von Wissen ist dann die Kernaufgabe der VHS, sondern das Sichtbarmachen der vielfältigen Kompetenzen der Bürger, ggf. das Unterstützen beim Vorbereiten von „Wissensgebern“, und das Zusammenbringen von Lehrenden und Lernenden. Die VHS also eher als Community-Manager der Bürger ihrer Region.

Die ganze Region zu einer Community of Practice machen? Das war für viele Teilnehmer noch sehr viel Zukunftsmusik. Dennoch, als Entwicklungsmotor einer Region hätten Volkshochschulen eine wirklich neue und sehr wertvolle künftige Rolle.

VHS Bamberg

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Konferenz und Un-Konferenz gleichzeitig? Erfahrungen mit „BarCamp-Foren“

Lange habe ich diese Kombination abgelehnt. Mein Argument: Teilnehmer können nicht plötzlich vom Vortrags-Konsumenten-Modus auf den aktiven Beitrags-Modus umschalten. Ein Vorurteil, wie sich jetzt herausstellte.

Erste Versuche im letzten Jahr auf der Conference Tour Weiterbildung 2.0  des eLearning Journals von Frank Siepmann, der gern neue Event-Formate ausprobiert. Zu zwei Vortragsblöcken gab es bei vier ConferenceTour-Veranstaltungen die Wahl-Alternative der sogenannten „BarCamp-Foren“. Während im Saal vier oder fünf Vorträge liefen, konnten sich Teilnehmer im Un-Konferenz-Format BarCamp-Forum zu eigenen Themen im 15-Minuten-Takt austauschen. Das „BarCamp-Forum“ (Wortschöpfung von Frank Siepmann, weil ja kein richtiges BarCamp) bekam im Laufe der Tour immer mehr Zulauf, und die Teilnehmer äußerten Begeisterung für das Format. Regelmäßig wurden mehr Themen von den Teilnehmern vorgeschlagen, als in der Zeit mit 15 bis 20-Minuten-Sessions nacheinander abgearbeitet werden konnten (42 Sessionvorschläge / 19 durchgeführte Sessions). Damit war klar, es funktioniert doch.

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Anfang März 2013 fand ein klassischer Kongress, der Demografiekongress in Frankfurt statt. 400 Teilnehmer aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft kamen schon zum wiederholten Male zu dem Thema zusammen. Am Nachmittag waren Themen-Workshops mit jeweils wieder mehreren Einzel-Referaten vorgesehen. Ich hatte die Moderation für den Workshop „Weiterbildung“ zugesagt. Dem Veranstalter habe ich von den guten Erfahrungen mit dem Nutzen der Expertise des Plenums bei den BarCamp-Foren berichtet, und das gleiche Modell auch für den Demografie-Kongress vorgeschlagen. Mit ein wenig Zögern willigte er ein. Die Ankündigung der BarCamp-Foren war spartanisch ausgefallen, trotzdem kamen etwa 60 mutige Teilnehmer zu diesen BarCamp-Foren.

Wieder eine kurze Einstimmung, diesmal mit einer etwas deutlicheren Betonung auf das „Gleiche Augenhöhe-Prinzip“ bei BarCamps und auch hier. Auf meinen Satz „Bei BarCamps führt man dazu die Anrede mit dem Vornamen ein, und dann ist man schnell beim Du“, sagte gleich jemand, „dann wollen wir das hier genauso“. Das „Du“ hatte ich für die 1 ½ Stunden nicht geplant, aber wenn die Teilnehmer das wollen … Jetzt reizte mich natürlich der Versuch. Also, wir vereinbarten, das „Du“ gilt jetzt für diesen Workshop, danach steht es jedem frei, wieder in den Standard-Konferenz-Kommunikations-Modus überzugehen.

Hier die von den Teilnehmern spontan vorgeschlagenen Session-Themen (8 im ersten Durchgang, 6 beim zweiten), von denen insgesamt 8 nach der Teilnehmerbewertung dran kamen.

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Eine wieder neue Erfahrung: Die Art des Miteinander-Umgehens war auch bei den bisherigen BarCamp-Foren immer bereits nach wenigen Minuten in einem anderen Modus, Teilnehmer möchten sich einbringen, man hört sich gegenseitig zu, die Aktivierung beinahe aller Teilnehmenden erfüllt irgendwie den Raum. Mit der Einführung des Du stieg der Aktivitäts-Level beim Demografiekongress noch einmal. Diskussionen wurden mutiger, Wortmeldungen nahmen zu, Gespräche wirkten vertrauter – so jedenfalls mein subjektiver Eindruck. Und – alle haben das ohne erkennbare Probleme sofort akzeptieren können. Ich hätte mich bis dahin gar nicht getraut das Workshop-Du einzuführen – erst recht nicht auf einer so großen klassischen Konferenz.

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Die Mischung beider Formate – klassische Konferenz und BarCamp-Forum – funktioniert. Das zeigen die insgesamt 10 BarCamp-Foren, die ich bei Konferenzen begleiten durfte. Noch war es allerdings erst die kleinere Zahl der Kongressteilnehmer, die sich für die parallel laufenden BarCamp-Foren interessierten. Es gibt aber keinen Grund, warum das mit den anderen nicht auch funktionieren sollte.

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vhsCampBeruf – Eine interne Fachkonferenz als BarCamp (#vcb13)

Volkshochschulen sind regionale Organisationen, meist von Gemeinden oder Landkreisen getragen, mit sehr unterschiedlicher Größe und inhaltlicher Ausrichtung. Diese eigenständigen VHS werden von Landesverbänden vertreten und koordinierend unterstützt, z.B. mit Konferenzen zum Austausch der regionalen Akteure in den verschiedenen Programmbereichen. So eine Konferenz für den Fachbereich Beruf stand für den Bayerischen Volkshochschulverband BVV  jetzt an – und lief ganz anders ab, als gewohnt.

Joachim Rattinger, Referent für den Programmbereich Beruf beim BVV, suchte nach einer anderen Form des Lernens und Austauschens, an Stelle einer üblichen Konferenz mit bestellten Referaten. Er entschied sich für das Un-Konferenz-Format BarCamp. Nur für VHS-Mitarbeiter, die dürfen aber gern auch von außerhalb Bayerns kommen, schließlich bringt ja bei einem BarCamp auch jeder eigenes Wissen ein. Warum also nicht auch lernen von Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bundesländern, Österreich und der Schweiz.

50 Teilnehmer haben sich angemeldet für dieses für fast alle neue Experiment – nur eine Teilnehmerin hatte schon BarCamp-Erfahrung.  Am 19.2.2013 begann das vhsCampBeruf pünktlich um 10.00 Uhr mit einer kurzen Einstimmung zum Format. Begriffe wie „Gleiche Augenhöhe“, „Vielfalt von Perspektiven“ und „konsequente Selbststeuerung“ gehörten ebenso dazu, wie die ganz kurze Vorstellrunde, nur mit Namen, Organisation und max. 3 Stichworten, die jeden heute kennzeichnen.

Bis dahin war die Agenda nur ein leeres Raster mit Räumen und Zeiten an einer Pinwand. „Wer heute eine Session gestalten möchte, stellt die bitte hier vorn in 3 Sätzen vor“. Ein spannender Moment. Was ist, wenn jetzt keiner aufsteht? Zweifel verflogen ganz schnell, eine Schlange begann sich zu bilden. In den 45-Minuten Sessions kann jeweils ein Vortrag angeboten werden, eine Erfahrung diskutiert, oder auch ein Problem zur gemeinsamen Lösung angeboten werden. Das ergab dann insgesamt 10 Sessions, die in zwei Räumen parallel eingeplant wurden. Jeder hatte also zu jeder Stunde die Qual der Wahl, sich zwischen den 2 Sessions zu entscheiden. Und wie beim Selbstorganisationsformat BarCamp möglich, hat ein Session-Gestalter im Laufe des Tages seine Session einfach vorgezogen und in einen anderen freien Raum verlegt. Auch neue Sessions können im Laufe des Tages von den Teilnehmenden – oder besser „Teilgebenden“ – jederzeit auf der Agenda platziert werden.

Folgende Session-Themen wurden vorgeschlagen und bearbeitet:

  • Apple Mac & Co an VHS
  • VHS Online Produkte
  • Mehr formale Lern-Angebote an VHS
  • Massive Open Online Courses
  • Lerner Services ohne eigenen Lern-Content
  • Deutscher Qualifikationsrahmen ECVET
  • Nehmt den EDV-Raum dem Programmbereich Beruf weg!
  • VHS-Kooperationen – Tops und Flops
  • Kooperation der Programmbereiche Sprache und Beruf
  • Studieren an der VHS

Sessionplan vcb13Mich erstaunt immer wieder, wie schnell Menschen sich an diese bis dahin ungewohnte Konferenz-Situation anpassen können, und sich selbst aktiv einbringen, ob nun als Session-Gestalter oder als beitragender Session-Teilnehmer. Die Teilnehmeraktivität ist immer hoch bei BarCamps. Und wenn ein Session-Gestalter nur Folien-zeigen will, beginnt die Diskussion meist früh und ungeplant. Es scheint ein menschliches Bedürfnis zu sein, mitzureden und mitgestalten zu wollen. Wenn nur der Rahmen das zulässt, entfaltet sich aktive Beteiligung offensichtlich von selbst.  Und aktive Beteiligung ist ja eigentlich auch das Ziel aller didaktischen Anstrengungen. Hier wird das erreicht, allein durch Weglassen von sonst üblichen einschränkenden Regeln und Gewohnheiten.

In allen Organisationen ist jeder mal Lehrender und mal Lernender

Noch ein Aspekt wurde auch bei diesem vhsCampBeruf schön deutlich: Jeder ist mal Lehrender und mal Lernender. Die Rollen wechseln ständig. Mal ist man Session-‚Geber, mal Session-Teilnehmer – mal ist man in der Session Zuhörer, mal teilt man Anderen seine Erkenntnisse mit. Selbst Session-Gestalter nehmen aus ihrer Session meist mehr mit als sie eingebracht haben. Von welcher anderen Konferenz kann das schon sagen? BarCamps leben von der Kompetenz und den Interessen der Teilnehmer. Die bringen erstaunlich viel Expertise ein und steuern auch noch die Inhalte in die für sie passende Richtung. Das hätte kein Veranstalter so passend planen können. Loslassen und den Teilnehmer zutrauen, das selbst zu gestalten – das fällt wohl jedem Veranstalter schwer – erst recht bei internen Konferenzen.

Am Ende gab es nur positive Aussagen der Teilgebenden, wie „Ich hab noch nie so viel gelernt, wie heute.“ Und auch „Ich bin noch hellwach. Bei normalen Konferenzen bin ich das um die Zeit nicht mehr.“ Auch der Veranstalter, Joachim Rattinger war von dem Erfolg überrascht. Das war vermutlich nicht die letzte VHS-Konferenz als BarCamp.

Trotzdem nachdenkliche Minen am Ende: Wenn doch so viel gelernt wurde, ohne dass es eine didaktische Vorbereitung gab – was machen wir da in unseren Kursen falsch?

 

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Inverted Classroom: Erfahrungstipps vom Experten Loviscach

Die 2. Inverted Classroom Konferenz - #icm2013 – am Institut für Anglistik und Amerikanistik der Philipps Universität Marburg  wurde mit einem sehenswerten Vortrag von Prof. Jörg Loviscach am zweiten Tag gestartet. Mit 8,8 Millionen Zugriffen, mehr als 2000 selbsterstellten Youtube-Videos zur Vorbereitung seiner Mathe- und Informatik-Vorlesungen – und als erster deutscher Dozent mit einer laufenden Lehrveranstaltung bei Udacity mit inzwischen 20.000 Teilnehmern – ist Prof. Loviscach ein ausgewiesener Experte für Flipped Classroom und Massive Open Online Courses (MOOC).

In knapp 24 Minuten berichtet Prof. Loviscach wie er seine Lernvideos erstellt, wie die Verknüpfung mit den Präsenzphasen bei ihm läuft und welche Vor- und Nachteile der Flipped Classroom hat. Natürlich hat er diesen Vortrag auch aufgezeichnet und seinen vielen Videos auf Youtube hinzugefügt:

Wer sich mit dem Gedanken trägt, das Flipped Classroom Modell zu übernehmen findet in den 25 Minuten eine komplette praktische Anleitung, von der Aufzeichnung bis zur Handhabung in der Lehre. Wer das Video auf sich wirken lässt, der bekommt Lust mehr davon zu sehen, oder selbst gleich anzufangen eines zu produzieren.

Hier ein paar bemerkenswerte Aussagen daraus:

Loviscach nimmt seine Videos vor realem Publikum auf. Da muss man kontinuierlich weitermachen, man kann nicht wiederholen, wenn etwas nicht gut genug erschien. Im Studio oder Büro ist man nie mit der eigenen Leistung zufrieden und wiederholt ständig, was viel Zeit kostet. Die Live-Aufzeichnung mit allen Versprechern und Zwischenfragen der Studenten ist einfach viel authentischer.

Mit einem selbst erstellten kleinen Programm (das übrigens hier kostenlos heruntergeladen werden kann), wird auf jedem Film die CC-Lizenz eingeblendet, und bei Bedarf ein Zeitstempel zum Wiederfinden für eine Stelle, die Loviscach nachbearbeiten will. Damit braucht er nicht das ganze Video anzusehen. Nachbearbeitung findet aber kaum statt: Fast alle Videos sind sofort nach der Aufnahme ins Netz gegangen. „Ich werde die allermeisten meiner Videos zeitlebens nicht sehen“ so Loviscach. „Nur so schafft man es 2000 Videos zu produzieren“.

Das Dozentenbild lenkt nur ab, und der sprechende Kopf ist beim möglicherweise notwendigen nachträglichen Schneiden nur hinderlich. „Hochglanz“ ist schädlich, kalt und statisch, das belegen sogar Studien.

Die Lernenden müssen konsequent zum Vorher-Anschauen erzogen werden. Wiederholungen in der Präsenzphase gibt es nicht, stattdessen startet Loviscach gleich mit Aufgaben im Plenum. Dort gibt er ungern Antworten, eher stellt er weitere Fragen. Und das auf Augenhöhe: „Gehen Sie in die Knie, wenn Sie mit den Studenten sprechen. Das macht einen großen Unterschied.“

Die Klausurergebnisse sind mit Einführung des Flipped Classroom Prinzips „nicht schlechter geworden“, wohl aber die Eingangsvoraussetzungen die Studenten mitbringen, klagt Loviscach. Die Vorteile des Flipped Classroom gleichen das wieder aus. Und gegenüber Lehrbüchern haben Videos doch einige Vorteile, z.B. dass man sie nicht scannen, also mit querlesen überfliegen kann, wie das wohl von Studenten mit vielen Texten gemacht wird. Außerdem zwingt Video auf den Punkt zu kommen, nur das Wesentliche darzustellen. Beim Video muss man informell sein, kann nicht auf Fußnoten verweisen, und das „dual coding“ über Grafik und gleichzeitige Sprache ist ein Vorteil gegenüber dem Lehrbuch.

Dennoch ist der Flipped Classroom nicht das Wundermittel. Studierende müssen schon mitmachen wollen.

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