Second Life als Lernumgebung?

Das Forschungsprojekt 2011 Virtuelle Weiterbildung der Hochschule Heilbronn mit Vorträgen zum Thema „Open Innovation by 3D Collaboration“   bietet derzeit wöchentliche Second Life Events an. Das Thema ist interessant, und so nutzte ich heute Abend die Gelegenheit mal Second Life als Lernumgebung 2 ½ Stunden aus der Sicht meines Avatars zu erleben.

Mein Eindruck: Noch erschließt sich mir der Vorteil von Second Life fürs Lernen nicht so recht. Jeder Teilnehmer musste sich zunächst für einen Avatar entscheiden, der dann mit einiger Übung auch durch den virtuellen Campus gesteuert werden kann. Irgendwann nimmt man dann in einem Hörsaal mit ansteigenden Stuhlreihen Platz, und lauscht einem Vortrag. Der übrigens – wie in einer richtigen Hochschule – nicht um 18.00, wie angekündigt, sondern c.t. um 18.15 Uhr beginnt.

Der Ton ist „virtuell echt“, kommt also vom wirklichen Vortragenden übers Netz (allerdings mit mäßiger Ton-Qualität). Der Vortragende lässt aber seinen Avatar sprechen, ist also „virtuell virtuell“ im Bild.

Der Vergleich mit Webinaren über videobasierte Systeme, drängt sich auf. Welchen Vorteil hat es eigentlich, wenn der Vortragende oder die Moderatorin nicht wirklich zu sehen sind? Würde Gesicht und Mimik nicht viel mehr interessante Information übertragen? Auch scheint mir die Darstellung von Folien, Whiteboard und die Integration von Medien bei den üblichen Webinar-Programmen ausgereifter und anschaulicher zu sein, als im erlebten SL-Beispiel. Die Tonqualität ist es meistens jedenfalls auch. Gemeinsam in Gruppenräumen zu arbeiten, ist inzwischen ebenfalls in neueren Webinar-Programmen üblicher Standard.

Mein Fazit: Der virtuelle Umgang zwischen Lehrenden und Lernenden ist ein Kompromiss, der so nah wie möglich  an der wirklichen Begegnung bleiben sollte. Also Echtbild statt Avatar!

Wobei die virtuelle Darstellung ja auch die Nachteile der realen Welt überwinden könnte: Die Lerner in einem nachgebildeten großen Hörsaal zu platzieren, verwundert dann doch. Gibt es virtuell wirklich keinen besser zu gestaltenden Beziehungsraum zwischen Vortragendem und Studierenden? Und muss es auch virtuell die alte Vorlesung sein?

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10 Antworten zu Second Life als Lernumgebung?

  1. Veit Mathauer schreibt:

    Schöner Erfahrungsbericht!

    Vorab: Als Projektpartner bin ich natürlich befangen. Ich bin bereits zum dritten Mal mit von der Partie, 2010 und 2011 in Second Life, 2009 noch auf Twinity (damals mit vielen technischen Hürden). Ich war und bin positiv überascht von den Möglichkeiten der Wissensvermittlung in der virtuellen Welt. Ich gebe Ihnen Recht, was das Aussehen der Avatare und auch ihre eingeschränkte Bewegbarkeit angeht – das erfordert Gewöhnungszeit. Faszinierend finde ich die Ortsunabhängigkeit der Plattform, auf der die Lernenden zusammenkommen, im Plenum Vorträge hören und in Nebenräumen Gruppenaufgaben lösen können. Die Einbindung verschiedener Tools (inkl. Chat, Twitterwall, Whitewall) halte ich für gelungen, die Möglichkeit, mich frei und “natürlich” durch den Raum zu bewegen, finde ich attraktiv. Die “Immersion” hat bei mir geklappt.

    Vergangene Woche habe ich eine eLecture gehalten: In einem On-demand-Video erläutere ich Inhalte, die daneben auf PowerPoint-Charts dargestellt sind. Auch ein gutes orts- und zeitunabhängiges Lernformat – aber im Vergleich zur Veranstaltung heute sehr wenig lebendig und ohne Dialogmöglichkeit.

    Veit Mathauer, Sympra GmbH (GPRA) Agentur für Public Relations

    Postings zum Thema Lernen in Second Life im Agenturblog http://blog.sympra.de/?s=second+life

  2. khpape schreibt:

    Danke für den Kommentar, Herr Mathauer.
    Es ist ja auch sehr ehrenswert, dass Sie sich bei dem Forschungsprojekt engagieren. Sonst hätte ich die wertvolle Erfahrung gestern ja nicht machen können.

    Mich wundert nur ein wenig, dass eine in Second Life aufgebaute Lernumgebung “nur” die reale Welt abbildet, z.B. den Hörsaal, der in der wirklichkeitsnahen Umsetzung von Second Life auf den hinteren Plätzen sogar den Referenten leiser überträgt.
    Ich sehe derzeit so viele Initiativen, Lernen und Lernumgebungen neu zu denken , z.B auf den EduCamps, oder beim gerade laufenden Opco11 http://blog.studiumdigitale.uni-frankfurt.de/opco11/.
    Könnten wir in virtuellen Umgebungen nicht viel leichter Vorreiter für völlig neue Lernsettings sein? Könnte das nicht die Prototypen-Werkstatt sein, für dann auch in die Realität übertragbarere optimalere Lernsettings?

  3. Lore Reß schreibt:

    Ja, warum wird so viel Wert auf einen “Nachbau” eine Vortragsraums gelegt? Mit all den Nachteilen (entfernter Sprecher zu leise, zu großer Avatar versperrt Sicht, etc). Ein Profilbild jedes Teilnehmers würde absolut ausreichen (am besten ausblendbar, damit genügend “Raum” zum Arbeiten bleibt.
    Wenn eine Nachbildung, dann die der interaktiven Wand: http://www.youtube.com/watch?v=0qDwO2ExjzA&feature=player_embedded
    Das (lästige )von Raum zu Raum gehen macht auch nicht viel Sinn.

  4. Katja Bett schreibt:

    Lieber Herr Pape und Frau Reß,
    hmh, ich kann Ihren Ausführungen durchaus folgen. Allerdings möchte ich betonen, dass das Projekt ein Forschungsprojekt ist, das von Studierenden umgesetzt wird. Es geht darum Erfahrungen zu sammeln, wie die 3-D-Welt in Weiterbildungsveranstaltungen integriert werden kann und nicht darum, ob die 3-D-Welt bessser oder schlechter wie ein Webinar ist. Betonen möchte ich, dass alle eingesetzten Instrumente von den Studierenden selbst entwickelt worden sind und zwar aus dem einfachen Grund, weil es sie so nicht gibt! (Im Gegensatz zu den Webinaren, die auf einer Technik aufbauen, die bereits seit über 10 Jahren besteht und laufend weiterentwickelt wird).

    Ich persönlich finde, dass die Studierenden hier sehr kreativ waren und eben versucht haben eine möglichst hohe Interaktionsrate zu erreichen. Auch die Idee mit dem Raum-Wechsel finde ich persönlich durchaus gelungen, so wird die 3-D-Welt auch tatsächlich erlebbar (Stiwort Immersion!).

    Dennoch ist die Frage natürlich durchaus angebracht, ob und wie Veranstaltungen mittels Avataren wirklich geeignet sind, Lehr-Lernprozesse optimal zu unterstützen. (Übrigens kenne ich auch das aktuelle Opco11, hier möchte ich auch mal kritisch hinterfragen wollen, was es bringt, wenn sich ca. 1000 Menschen anmelden, letztendlich sich aber nur ein geringer Prozentsatz daraus tatsächlich beteiligt).

    Noch ein Fazit: Ich persönlich finde, dass es noch viel mehr Projekte und Initiativen aus verschiedenen Richtungen braucht, um die Potenziale und Möglichkeiten unserer virtuellen Welt für Bildungsprozesse praktisch zu erproben und Ideen generieren zu können, wie solche optimal gestaltet werden könnten (und da braucht es vielleicht eben auch die Erfahrung, geht und geht nicht!)
    Beste Grüße von Katja Bett

  5. khpape schreibt:

    Liebe Frau Bett,

    bitte verstehen Sie meine Anmerkungen als Gedanken eines Teilnehmers. Mir sind beim erstmaligen Betreten Ihrer Lernumgebung Umstände aufgefallen, die ich für mein Lernen nicht so hilfreich gefunden habe. Gerade weil es ein Forschungsprojekt ist, habe ich mich bemüht das auch zu konkretisieren, damit die Forschenden das beim weiteren Vorgehen berücksichtigen können.
    Vielleicht sind ja meine Erwartungen an ein Weiterbildungs-Forschungsprojekt, das auch noch Innovation zum Thema hat, etwas höher als sonst.
    Wenn ich da irgendwie bei einer Weiterentwicklung unterstützen kann, tue ich das gern.
    Beste Grüße
    Karlheinz Pape

  6. Lore Reß schreibt:

    Liebe Organisatoren und Mitlesende,

    wie Herr Pape schon sagte, es geht doch nicht darum die Arbeit der Studenten herabzusetzen. Es ist die Beschreibung eines Teilnehmereindruckes. Die Studenten haben sehr viel Arbeit in das Projekt gesteckt und das erkenne ich natürlich an. Auch die Vorgehensweise ist OK: Vortrag, Gruppenarbeit, Zusammenfassung im Plenum. Das große Aber dabei ist, wenn schon eine 3D- Umgebung, muss dann die Wirklichkeit 1:1 nachgestellt werden oder gibt es andere Alternativen?
    Dies sollte man einfach mal diskutieren.

    Viele Grüße
    Lore Reß

  7. Pingback: Virtuelle 3D-Seminare bieten durchaus viel Präsenz | . NetzFaktorei

  8. twuertz schreibt:

    Sehr geehrte Damen un d Herren,
    hallo alle anderen.

    Zu meinem Bedauern habe ich die Veranstaltung verpasst, denn ich habe vergleichbare Events letztes Jahr mit großer Begeisterung besucht.
    Was mich oberflächlich begeistert hat war, dass ich zu Hause an meinem Rechner gesessen habe, und von dort aus Zugang zu Vorträgen qualifizierter Experten hatte.
    Das bekommt man aber auch mit einer Skypekonferenz hin.
    Somit stellt sich die Frage nach dem Mehrwert des virtuellen Raumes.
    Von Frau Reß habe ich noch die Frage gesehen:” …wenn schon eine 3D- Umgebung, muss dann die Wirklichkeit 1:1 nachgestellt werden oder gibt es andere Alternativen?”
    Das ist eine sehr wichtige Frage, denn dahinter steht die Frage: “Wer bestimmt, wie etwas in einer virtuellen Welt gebaut werden darf?” Die Antwort lautet: “Jeder der zum Gestalten berechtigt ist, im Umfang seiner Berechtigung.”
    Virtuelle 3D Welten haben dann einen Vorteil, wenn ich gemeinsam mit anderen Menschen Erfahrungen machen kann, die in der physischen Umgebung (manchmal auch Wirklichkeit genannt;-) ) zu hohe Aufwände generieren würden.
    Zum Beispiel das Besichtigen eines Museums, wie der Dresden Gallery, die ein 1:1 Abbild des Dresdener Zwingers mit all seinen Kunstwerken ist.
    Oder einer Simulation, in der ich allein oder gemeinsam übern kann, was zu tun ist, wenn eine Friteuse anfängt, zu brennen.
    So etwas in der physischen Welt aus zu probieren könnte unangenehme Folgen mit sich bringen.
    Was den nachbegauten Hörsaal angeht, hat dieser auch Vorteile. Wenn wir einen Hörsaal sehen, dann laufen unbewusste Vorgänge ab:
    -halte ich den Vortrag? ja- dann muss ich vor; nein -hinsetzten, klappe halten.
    -Der der vorne steht ist der “Chef”, u.s.w.
    Ich nenne das die ” nonverbale Kommunikation der Gestaltung”.
    Brauche ich eine solche Situation, dann baue ich einen Hörsaal, will ich eine Dikussion auf Augenhöhe, baue ich einen Strand, einen Wald, was auch immer.
    Die Frage ist nicht: “Welchen Mehrwert hat eine Welt wie Second Life?”, die Frage ist: “Wie gut kann ich meine Fantasie in der Gestaltung von Raum, Kommunikation und Kollaboration nutzen, um die Lerninhalte zu vermitteln?”
    Wer offen für weitere Beispiele ist, kann gerne die Arbeitsberichte des Arbeitskreises E-learning in virtuellen Welten einsehen:
    http://www.avameo.de/index.php/arbeitskreis-e-learning-in-virtuellen-welten/

    Herzliche Grüße,
    Tobias Würtz

  9. twuertz schreibt:

    Nur als Ergänzung…
    Training für Mitarbeiter von Feuerwehr und Katastrophenschutz im virtuellen Raum:
    http://www.avameo.de/index.php/2011/05/23/24-ak-e-learning-trainingssimulation-fur-rettungskrafte/

    • khpape schreibt:

      Ja, für Sicherheitstrainings kann ich mir SL gut als Lernumgebung vorstellen. Da ist realitätsnahes Handeln gefragt, ohne Gefährdung. Dafür ist eine virtuelle realtitätsnahe Umgebung, in der ich fast real handeln kann natürlich ideal. Danke für das Beispiel.

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