“Online First” im Corporate Learning – wie beim Guardian

„Be of the web, not just on the web“, so beginnt ein interessanter OSBF-Blogpost über Open Journalism. Insbesondere der englische Guardian hat sich eine völlig neue Arbeitsweise verordnet, die die Leser der renommierten Tageszeitung über das Internet immer stärker in einen offenen Dialog zieht, bei dem auch Leser zu Autoren werden.

Zeitungen, und Printmedien überhaupt, haben aus meiner Sicht ganz viel mit Weiterbildungsanbietern, Weiterbildungsabteilungen gemeinsam. Hier wie dort wird bisher Content für eine bestimmte Zielgruppe aufbereitet und verteilt. Beide stehen heute vor ähnlichen Herausforderungen. Informationsmöglichkeiten im Internet verdrängen das Verteilen von aufbereiteten News auf Papier. Das gleiche Internet erlaubt auch den schnellen Zugriff auf Wissen, das bisher nur in Seminaren erhältlich war. Deshalb lohnt der Blick auf Entwicklungen bei den Print-Medien für uns Learning Professionals.

Selbst ein Teil des Internets werden

Roland Freist zitiert in dem o.g. Blogpost Emily Bell, die frühere Verantwortliche für digitale Inhalte bei der britischen Tageszeitung The Guardian: „Die traditionellen Medien sollten nicht versuchen, ihre Produktionsweisen und Inhalte auf das Internet zu übertragen, sondern stattdessen selbst ein Teil des Internets werden. In der Praxis bedeutet das in erster Linie, dass Artikel und Beiträge nicht mehr als abgeschlossene Arbeiten betrachtet werden, wie es bei Zeitungen und Zeitschriften, Radio und Fernsehen der Fall ist. Stattdessen sollte ein im Internet veröffentlichter Artikel als eine Art Work in Progress betrachtet werden, an dem die Leser mitarbeiten.“

theguardian HeadlineWie das konkret aussieht kann man bei theguardian sehen. Einerseits gibt es die redaktionellen Artikel, die inzwischen beim Guardian alle zunächst als Online-Artikel gestaltet werden und daraus entsteht dann erst die Print-Ausgabe. Die Online-Ausgabe ist das Primäre, das Umfassendere. Dort können Links eingebaut sein, Videos und Animationen. Auch Schreibstil und Länge ist sicher anders als für die Print-Ausgabe. Der größte Unterscheid liegt aber im Wegfall des Redaktionsschlusses. Keine hektischen Redaktionssitzungen mehr, um zu entscheiden was noch rein soll und was aus Platzgründen wegfallen muss. Artikel können jederzeit veröffentlicht werden, ganz aktuell. Und wenn später mehr Infos kommen, kann man immer noch ergänzen, korrigieren oder einen neuen Artikel schreiben.

Und andererseits gibt es die „Commentisfree“ Seite, die Leser zu eigenen Beiträgen einlädt. Drei verschiedene Möglichkeiten sich einzubringen sind vorgesehen, wie man auf der Seite lesen kann:

  • Do you want to write for us?
  • Do you want to post a comment
  • You are interested in community engagement and moderation on the site?

Ausführliche Anleitungen für Interessenten stehen jeweils bereit, damit die Hürde klein ist und die Regeln klar sind. Auffällig ist, dass der Guardian auf der Commentisfree-Seite mitbestimmen will. So wird z.B. für neue Beiträge erst eine kurze Skizze des Artikels – nicht schon der ganze Beitrag – gefordert, damit man entscheiden kann, ob das auf die Seite kommen soll: Sent us your Ideas. Heute an einem Sonntagnachmittag, habe ich auch nur Beiträge aus Observer und Guardian gefunden, die aber fast immer dreistellige Kommentare ausgelöst haben. Vielleicht ist das ja an anderen Tagen anders, oder es braucht noch ein wenig, bis sich mehr Leser trauen, eigene Beiträge aufzusetzen. Die Kommentare sind z.T. nur kurze Statements, aber relativ häufig auch in 3 bis 4 Absätzen ausgeführte Anmerkungen. Ein weiterer Service der Redaktion der Commentisfree Seite: Auf „Most Viewed“ und „Most Shared“ Beiträge wird auf Wusch auch in täglichen Emails verlinkt. Wer kommentieren oder schreiben will, muss sich registriert haben: Hier die lange Liste der namentlich genannten Beitragenden.

Weshalb “The Guardian” ein Modell für Corporate Learning sein kann

Beim Guardian gibt es sie noch, die Redaktion, die Inhalte aufbereitet und bereitstellt. Nur ist die heute in erster Linie eine Online-Redaktion. Die Restriktionen der Papierausgabe (Redaktionsschluss, nur einmal täglich, begrenzter Platz, kein Video,…) gibt es hier nicht. Die Kommunikation in Richtung Leser wird aktueller und vielseitiger. Gleichzeitig sehen sich die Zeitungsmacher nur als ein Teil eines viel größeren Autorenteams, dass die Leser mit einschließt, die ja teilweise viel näher am Thema dran sind.

Bild von dawnfu bei http://pixabay.com/.

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In Weiterbildungsabteilungen sind es die Trainer, die eLearning-Ersteller, die Inhalte aufbereiten und in Seminaren oder Web Based Trainings verteilen. Noch ganz selten gibt es hier eine Online-First-Strategie. Selbst „Blended Learning“, die Ergänzung des Seminars mit einem Online-Teil, sichert eigentlich nur den gewohnten Präsenz-Teil.

Weiterbildungsabteilungen, die zunächst alle Lerninhalte online aufbereiten und bereitstellen, würden auch hier sicher ganz andere Produkte erzeugen. Originalton wäre möglich, Videos und Animationen würden üblich. Und das Wichtigste: Experten, wie vom Thema Betroffene könnten sich einbringen, könnten das relevante Wissen stetig mitformen und aktuell halten. Online bedeutet ja immer auch, Dialog und Kooperation ist grundsätzlich ohne große Hürden möglich.

Das nach außen öffnen, das Zulassen fremder Beiträge, das Mitgestalten erlauben und sogar fördern – das scheint mir aber der entscheidende Einstellungs-Unterschied – wohl auch für die ehemaligen Print-Journalisten des Guardian. Das ist ungewohnt für Trainingsabteilungen, wie für Trainer, die bisher Wissen hierarchisch verteilt haben. Die Online-Redaktion des Guardian stellt sich auf eine neue Rolle in einem Netzwerk mit ihren Lesern ein. Learning & Development als aktivitäts-anregender Netzwerkknoten im Unternehmen, könnte das nicht viel mehr Wirkung zeigen, als das Verteilen vorgefertigter Lern-Bausteine?

Online First fürs Corporate Learning

„Online First“ wäre auch eine Schlüssel-Strategie für Weiterbildungs-Abteilungen um dorthin zu kommen. Es genügt aber nicht, nun alles Material online zu stellen. Hier braucht es echte „Onliner“, die Kommunikation im Netz verstehen, die selber „Online-Netzwerker“ sind. Und es braucht ein Selbstverständnis der ganzen Weiterbildungsorganisation, dass alle Wissen-Produkte immer nur den Status „Work in Progress“ haben, und sich deshalb auch stetig verändern und verbessern sollen. Damit das auch geschieht, wird Community-Management eine wesentliche künftige Aufgabe sein, wie für den Guardian übrigens auch.

Bild von Geralt bei http://pixabay.com/.

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2 Antworten zu “Online First” im Corporate Learning – wie beim Guardian

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